Borin Krempel
Der Kumpel
Der Maschinist
Die Waschbären
Die dreisten drei
Kuno Kargland
Der knappe Knappe
Avinis aus Allerton
Der Barde
xyz.
xyz.
Ein Kurzschluss durch Waschbären-Befall.
Die dritte Spielsitzung begann dort, wo die vorherige geendet hatte: zwischen den Obstbäumen der schwebenden Wiesen, fernab der Arbeiter und nur wenige Schritte von den neuartigen mechanischen Wächtern entfernt.
Den drei Waschbären war es gelungen, einen der großen Äpfel vom Baum zu lösen. Die Frucht selbst weckte keinerlei Begeisterung in ihnen. Sie kannten ihren widerwärtigen Geschmack bereits und wussten, dass sie für nichts anderes taugte als für jene kostspielige Mode, mit der sich der Adel des Reiches derzeit schmückte. Dennoch war jeder einzelne Apfel ein Vermögen wert.
Während Targen Mohl eine der mechanischen Vogelscheuchen zum zentralen Sammelplatz führte, blieb die Konstruktion plötzlich stehen. Ihr verhüllter Kopf drehte sich unmittelbar in Richtung der gestohlenen Frucht.
Die Waschbären setzten den Apfel vorsichtig auf dem Boden ab. Sofort begann sich der Wächter auf das Gebüsch zuzubewegen. In aller Eile zogen die drei ihren Zylinder hervor, stülpten ihn über die Frucht und schossen gemeinsam in das nächste Versteck davon. Sobald der Apfel nicht mehr bewegt wurde, hielt auch die Vogelscheuche inne. Erst ein erneuter Befehl Targens brachte sie dazu, ihren ursprünglichen Weg fortzusetzen.
Dabei konnten die Waschbären weitere Bruchstücke jener fremdartigen Befehlsformel aufschnappen, mit der Targen die Maschine führte. Die Losung begann offenbar mit „Activa ...“, darauf folgte der eigentliche Befehl – in diesem Fall die Anweisung, ihm zu folgen – und endete mit den Worten: „Verbum finitum.“
Am zentralen Sammelplatz sollte die Vogelscheuche anschließend vor den Augen der vermeintlichen Prüfungskommission einem weiteren Feldversuch unterzogen werden. Borin Krempel erklärte sich mutig als Freiwilliger, obwohl ihm zunächst kaum jemand erläuterte, worauf er sich dabei einließ.
Karsten reichte ihm ein vorbereitetes Schreiben. Borin konnte nur wenig davon entziffern, erkannte jedoch die Art des Dokuments aus seiner Zeit im Bergbau wieder und setzte seine krakelige Unterschrift darunter. Avaris aus Allerton erhaschte einen kurzen Blick auf den Text und verstand zumindest so viel, dass es sich um einen umfassenden Haftungsausschluss handelte. Wer auf den schwebenden Wiesen arbeitete oder an einem Versuch teilnahm, verzichtete offenbar auf zahlreiche Ansprüche, sollte es zu Verletzungen oder anderen Unglücksfällen kommen.
Borins Aufgabe klang zunächst einfach: Er sollte eine Frucht aus einem der offenen Körbe nehmen, während die Vogelscheuche den Platz überwachte.
Noch bevor das Experiment beginnen konnte, nutzten die Waschbären jedoch die allgemeine Ablenkung für einen weiteren Diebstahlsversuch. Arbeiter und Wachen beobachteten gespannt den mechanischen Wächter, während die drei sich an einen der gefüllten Körbe heranschlichen. Doch diesmal verließ sie ihr Geschick. Beim Versuch, übereinander balancierend an die Früchte zu gelangen, brach ihr kleiner Turm zusammen. Einer von ihnen krallte sich am Rand des Korbes fest und rutschte unter deutlichem Lärm daran hinab.
Zwei Wachen wurden sofort aufmerksam.
Nagetiere durfte es auf den schwebenden Wiesen eigentlich nicht geben. Das künstlich erhaltene Ökosystem bestand aus den Pflanzen, den für sie notwendigen Insekten und den Menschen, die sie bewirtschafteten. Andere Tiere waren ferngehalten oder längst beseitigt worden.
Der Anblick der Waschbären löste deshalb augenblicklich Alarm aus.
Die Wachen stürmten auf sie zu. Die drei schlugen Haken, verschwanden im Gebüsch und brachen in verschiedene Richtungen wieder daraus hervor. Zwei entkamen dem ersten Zugriff, doch der dritte wurde von einem heftigen Tritt getroffen und mehrere Schritte weit zur Seite geschleudert.
Unter dem Druck der Verfolgung geschah plötzlich etwas Unerwartetes: Neben den drei Waschbären erschienen drei täuschend echte Spiegelbilder. Für die Wachen standen dort mit einem Mal sechs Tiere.
Einer der Verfolger schickte seinen Kameraden Kaspar zurück zum Sammelplatz, um Verstärkung zu holen. Hier oben müsse sich ein ganzes Nest dieser Wesen befinden. Die verbleibende Wache setzte die Jagd fort, konnte mit den flinken Tieren jedoch kaum Schritt halten.
Am Sammelplatz geriet währenddessen das geplante Experiment beinahe in Vergessenheit. Borin fragte noch einmal, ob er nun mit dem Versuch beginnen solle, doch im allgemeinen Tumult nahm kaum jemand von ihm Notiz. Also griff er nach einem Apfel.
Die Vogelscheuche richtete sich sofort auf ihn aus.
Borin erkannte, dass nicht er selbst das Ziel der Konstruktion war, sondern die bewegte Frucht in seiner Hand. Er warf den Apfel in hohem Bogen von sich. Der Kopf der Maschine folgte der Flugbahn, während Targen lautstark darüber fluchte, dass schon wieder unnötiger Ausschuss produziert werde.
Damit hatte Borin eine entscheidende Beobachtung gemacht: Der Wächter verfolgte die Bewegung der Frucht.
Auch Avaris nutzte die Unruhe. Mit der Fingerfertigkeit eines erfahrenen Lautenspielers lockerte er in wenigen Augenblicken die Saiten seines Instruments, schob eine Frucht in den hohlen Korpus und spannte die Saiten wieder darüber. Niemand bemerkte den Diebstahl – doch die Laute war anschließend vollständig verstimmt.
Die Waschbären flohen derweil zu einem weiteren Obstbaum. Dort stießen sie mehrere volle Körbe um und verwandelten den Boden in ein Chaos aus Früchten, Holz und aufgeregten Arbeitern. Niemand wollte riskieren, noch mehr von der wertvollen Ernte zu beschädigen. In der Verwirrung gelang es den dreien, am Stamm hinauf in das Blattwerk zu klettern.
Dann näherte sich die Vogelscheuche.
Sie hörten das Surren ihrer Mechanik, das Klicken der Gelenke und das Spannen der Drahtzüge unter dem schweren Stoff. Durch den Stamm spürten sie beinahe, wie die Konstruktion den Baum absuchte.
Als der Wächter unmittelbar unter ihnen stand, verschwanden die Waschbären in einem Augenblick aus den Ästen und tauchten direkt in seinem Nacken wieder auf. Von den Wachen und Arbeitern wurde dies kaum bemerkt, denn selbst sie hielten respektvollen Abstand zu dem unheimlichen Prototyp.
Die drei schlüpften unter die Stoffbahnen und begannen neugierig, die Maschine zu untersuchen. Schrauben und Nieten ließen sich jedoch nicht ohne Weiteres lösen. Als einer der Waschbären zu tief in die Mechanik griff, geriet seine Pfote zwischen zwei Gelenke. Bei der nächsten Bewegung des Wächters hätte sie schwer zerquetscht werden können.
Während die anderen verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, das Gelenk aufzubrechen, kletterte einer von ihnen um den Torso der Maschine. Im Brustbereich entdeckte er eine Öffnung, hinter der ein fremdartiges Licht glomm. Drähte und metallene Verbindungen verliefen durch den Hohlraum, zwischen ihnen sprangen kleine leuchtende Entladungen hin und her.
Der Waschbär griff hinein.
Ein scharfer Schlag fuhr durch seinen Körper. Sein Fell stellte sich auf, sein Schwanz bog sich in einem wilden Zickzack – und die Vogelscheuche sackte in sich zusammen. Im Inneren arbeitete und surrte es weiterhin, doch ihre Gelenke erschlafften und gaben die eingeklemmte Pfote frei.
Die Waschbären nutzten die Gelegenheit zur Flucht. Ungesehen arbeiteten sie sich durch Büsche und Unterholz zurück zu ihren Gefährten.
Dort stellte die Gruppe fest, dass sie inzwischen bereits zwei Früchte besaß: eine im Korpus von Avaris’ Laute und eine, die Borin unbemerkt unter seinem Mantel verborgen hatte.
Borin entwickelte sogleich einen Plan für seine Beute. Die Transportplattform des großen Krans setzte unten nicht direkt auf dem Boden auf, sondern blieb vor einem erhöhten Podest hängen. Unter der Plattform verliefen massive Metallstreben, die ihre Konstruktion stabilisierten. Dort könnte eine Frucht verborgen bis nach Karnsgrat gelangen, ohne beim Aussteigen entdeckt zu werden.
Avaris sollte für Ablenkung sorgen. Als er jedoch zu spielen begann, erinnerte er sich zu spät an den Apfel in seiner Laute. Die verstimmten Töne zogen zunächst mehr Aufmerksamkeit auf sich, als der Gruppe lieb sein konnte. Arbeiter und Wachen blickten neugierig zum Sammelplatz, denn viele erinnerten sich noch an seinen gefeierten Auftritt im „Taumelnden Haken“.
Avaris stimmte das Instrument neu und begann schließlich ein Lied über die Ernte auf den schwebenden Wiesen – allerdings aus der Sicht eines einfachen Wurms. Die Ballade besang ein Ungeziefer, das sich an den Früchten laben wollte, obwohl selbst Würmer diese scheußlichen Gewächse vermutlich verschmähten.
Während Arbeiter und Wachen dem ungewöhnlichen Lied lauschten, schlich Borin zur Plattform. Unter ihr fand er die gesuchten Metallstreben. Mit einem Seil befestigte er den Apfel sicher an der Konstruktion, sodass er den Abstieg unbeschädigt überstehen sollte.
Niemand schlug Alarm.
Stolz kehrte Borin zu seinen Gefährten zurück.
Am Ende des Tages hatte die Gruppe noch keinen vollständigen Plan für den großen Diebstahl. Doch sie hatte bereits zwei Früchte an den Kontrollen vorbeigebracht, eine mechanische Vogelscheuche außer Gefecht gesetzt und entscheidende Erkenntnisse über die neuartigen Wächter gewonnen.
Die erste Beute wartete unter der Plattform.
Die zweite lag verborgen in einer verstimmten Laute.
Und hoch über Karnsgrat begann man gerade erst zu begreifen, dass auf den schwebenden Wiesen etwas ganz und gar nicht nach Plan verlief..
Die Ernte auf den schwebenden Wiesen von Karnsgrat.
Am Morgen des 2. Brakund erwachte die ungewöhnliche Reisegesellschaft im Heu neben dem „Taumelnden Haken“. Noch lag kühler Dunst zwischen den Häusern Karnsgrats, doch mit den ersten Strahlen der Sonne setzte sich das Dorf in Bewegung. Arbeiter verließen ihre Unterkünfte, schlossen sich zu immer größeren Gruppen zusammen und strömten hinauf zum gewaltigen Kran, der Menschen und Lasten zu den schwebenden Wiesen beförderte.
Auch Borin Krempl, Kuno Kargland, Avenis aus Allerton, Viktor und die drei Waschbären mischten sich unter die Menge. Ihr Ziel war zunächst nicht der Diebstahl selbst. Sie wollten verstehen, wie die Ernte ablief, wie die Früchte bewacht wurden und ob es überhaupt einen Weg gab, unbemerkt auf die Wiesen zu gelangen.
Der erste Versuch, sich als neue Arbeitskräfte anwerben zu lassen, scheiterte. Auf den Plantagen waren für den Augenblick genügend Hände beschäftigt, und die nächste reguläre Anwerbung sollte erst in etwa einer Woche stattfinden. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass die Erträge der Wiesen derzeit hinter den Erwartungen zurückblieben und die Verantwortlichen offenbar mit roten Zahlen kämpften.
Mehrere Gespräche und gescheiterte Anläufe später eröffnete sich dennoch eine Gelegenheit. Targen Mohl, der für die mechanischen Anlagen rund um den Kran verantwortlich war, wurde auf Viktors ungewöhnlichen Arm aufmerksam. Auch Targen trug eine mechanische Prothese, doch während seine vor allem einen verlorenen Arm ersetzte und für schwere Arbeiten ausgelegt war, zeugte Viktors Konstruktion von deutlich feinerer Mechanik.
Viktors Wissen und die sichtbare Verwandtschaft ihrer beiden Schicksale weckten Targens Interesse.
Zur gleichen Zeit entstand bei ihm und dem Wachmann Karsten ein folgenreicher Irrtum. Da die Ernte schwächelte und erst kürzlich neuartige Wachkonstruktionen angeliefert worden waren, hielten sie die Gruppe für eine unangekündigte Prüfungskommission – womöglich im Auftrag einer Adelsfamilie oder einer anderen einflussreichen Stelle. Was den Fremden zuvor verwehrt worden war, wurde ihnen nun unter strenger Aufsicht gestattet: die Fahrt hinauf zu den schwebenden Wiesen.
Die drei Waschbären nahmen einen weniger offiziellen Weg. Unbemerkt gelangten sie auf die Plattform und verbargen sich während des Aufstiegs zwischen Ladung und Konstruktion. Oben angekommen fanden sie eine Welt vor, in der Tiere ihrer Art eigentlich nicht vorgesehen waren. Die Wiesen waren ein sorgsam erhaltenes Ökosystem aus Pflanzen, Insekten und Menschen – ohne Nagetiere und ohne jene Raubtiere, die ihnen hätten gefährlich werden können.
Für die übrigen Reisenden war der erste Eindruck der Wiesen von ehrfürchtiger Größe. Die größte der schwebenden Landmassen maß etwa anderthalb Kilometer im Durchmesser. Plantagen, Wege und Sammelplätze lagen über dem Abgrund, während weit unter ihnen der Fluss durch die Landschaft zog.
Doch die Schönheit des Ortes hielt nicht lange an.
Noch während ihres Aufenthalts wurden die Besucher Zeugen davon, wie ein Erntearbeiter mit einer unter seinem Kittel verborgenen Frucht aufgegriffen wurde. Das Urteil erfolgte ohne lange Verhandlung. Vor Arbeitern, Wachen und Fremden wurde dem Mann die rechte Hand abgeschlagen.
Damit war jede Unklarheit über die Folgen eines Diebstahls beseitigt.
Targen führte Viktor anschließend zu den neu angelieferten Prototypen: mechanischen Vogelscheuchen, die Meisterschmied Bolek gefertigt hatte. Unter zerschlissenem Stoff verbargen sich filigrane Gelenke, Zahnräder und fein aufeinander abgestimmte Bauteile. Die Konstruktionen waren dazu geschaffen worden, die Arbeit auf den Wiesen zu überwachen und insbesondere zu verhindern, dass Früchte an den festgelegten Kontrollen vorbeigeschmuggelt wurden.
Viktor durfte sogar einen Blick auf den Konstruktionsplan werfen. Eine Abschrift wurde ihm nicht gestattet, doch einige Einzelheiten prägten sich ihm ein. Besonders ein Begriff blieb haften: das Ruhige Herz.
Im Inneren der Vogelscheuche befand sich eine leuchtende Konstruktion, die weder durch Dampf noch durch Öl oder einen anderen vertrauten Brennstoff angetrieben wurde. Viktor verstand Teile der Mechanik, doch die Herkunft der Energie und das Zusammenspiel mancher Eingabe- und Ausgabemechanismen blieben ihm verborgen. Auch die fremdartigen Losungsworte, mit denen die Maschine angesprochen wurde, konnte er nur bruchstückhaft erfassen. Er hörte etwas, das wie „Activa“ und „cum“ klang, gefolgt von weiteren Worten in einer ihm unbekannten Sprache.
Targen selbst verfügte zudem über ein kleines Artefakt, mit dem sich die Vogelscheuchen aktivieren und deaktivieren ließen.
Auf Viktors Anregung hin beschloss er, einen weiteren Testlauf durchzuführen und eine der Konstruktionen zum großen Sammelplatz zu bringen. Dort grenzte die Transportplattform an die Hauptwiese, auf der am Ende eines Arbeitstages die Ernte zusammengetragen wurde.
Währenddessen machten die Waschbären eine überraschende Entdeckung. Die Vogelscheuchen reagierten nicht auf sie. Avenis vermutete später, dass die kleinen Körper und leisen Bewegungen außerhalb dessen lagen, worauf die noch jungen Prototypen eingestellt waren.
Diese Schwäche blieb nicht ungenutzt.
Unbemerkt stahlen die Waschbären eine einzelne Frucht von einem der Bäume.
Damit besaß die Gruppe zwar bereits ein erstes Stück der begehrten Ernte, doch ihr Wissen über den weiteren Weg der Früchte war noch wertvoller. Jede Kiste enthielt ausschließlich eine bestimmte Fruchtsorte. Noch oben auf den Wiesen wurden die Früchte gezählt und die Mengen in Listen vermerkt. Nach dem Abtransport der Arbeiter blieb eine letzte Fuhre zurück: versiegelte Kisten, die gemeinsam mit den verbliebenen Wachen auf der Plattform nach unten gebracht wurden.
Dort nahm weiteres Wachpersonal die Lieferung entgegen, verlud sie auf geschlossene Wagen und brachte sie zu den Prüfkammern der Vereinigung des Fortschritts. In diesen Kammern wurden die Früchte erneut gezählt, ihre Qualität geprüft und die Bücher mit den Listen der Plantagen abgeglichen. Für diese unabhängige Kontrolle war unter anderem der Verwaltungsbeamte Cedran Molt zuständig.
Auch über den Ausschuss erfuhren die Reisenden mehr. Beschädigte und unbrauchbare Früchte wurden auf den Wiesen gesammelt und einmal monatlich über die Kante in den mehrere hundert Meter tiefer fließenden Fluss gekippt. Dort kamen sie zerplatzt, verfault oder anderweitig verdorben an. Da die Früchte ohnehin ungenießbar waren, gab es selbst für jene keine Beute, die unten auf die Reste warteten. Die letzte Entsorgung hatte erst zwei Tage zuvor stattgefunden.
Am Ende des Tages hatte die Gruppe noch keinen endgültigen Plan gefasst, dafür aber mehrere Möglichkeiten erkannt.
Sie wollte beobachten, wie die Kisten unten verladen und zu den Prüfkammern transportiert wurden. Ein Gespräch mit Cedran Molt sollte Aufschluss über die Buchführung geben. Auch Wirtin Mara Vell könnte etwas gesehen oder gehört haben, das den Fremden bislang entgangen war.
Avenis dachte sogar darüber nach, die Früchte unter dem Deckmantel einer angeblichen Adelsfamilie auf Kredit zu erwerben und eine offizielle Eskorte nach Arnheim zu bezahlen. Der Gewinn wäre geringer, doch das Risiko möglicherweise ebenfalls.
Andere Überlegungen waren deutlich waghalsiger. Die Waschbären könnten mit gestohlenen Früchten und einer improvisierten Gleitvorrichtung von den Wiesen hinabgelangen. Ebenso könnten sie sich in einer der vernagelten Kisten verbergen, später von innen entkommen und ein Lagerhaus infiltrieren. Eine gefälschte Etikettierung oder eine zusätzliche, scheinbar ordnungsgemäß registrierte Kiste könnte einen weiteren Weg eröffnen.
Noch war nichts entschieden.
Doch hoch über Karnsgrat hatten die Reisenden zum ersten Mal gesehen, wie streng die Ernte bewacht wurde, wie sorgfältig jede Frucht gezählt wurde und welchen Preis jene zahlten, die dabei ertappt wurden, auch nur eine davon an sich zu nehmen.
Und irgendwo zwischen den Plantagen, den Kisten und den mechanischen Wächtern befand sich nun bereits eine gestohlene Frucht in den Pfoten dreier Waschbären.
Das Dorf Karnsgrat unterhalb der schwebenden Wiesen. Im Zentrum der große Lastkran.
Am 1. Brakund fanden fünf ungewöhnliche Reisende ihren Weg nach Karnsgrat, jenem unscheinbaren Dorf Fabricas, über dem die schwebenden Wiesen wie abgerissene Stücke einer anderen Welt im Himmel lagen.
Unter ihnen war Borin Krempl, ein kleinwüchsiger Mensch mit einer gewaltigen Spitzhacke und den von harter Arbeit gezeichneten Händen eines erfahrenen Kristallschürfers. An seinem Gürtel trug er einen kleinen Käfig für Zilp, einen winzigen Vogel, der ebenso häufig frei über die Dächer flatterte und mit Borin auf eine Weise verbunden schien, die weit über das Verhältnis zwischen Tier und Besitzer hinausging. Die großen Maschinen Fabricas betrachtete Borin mit Misstrauen. Wo Zahnräder und Grabwerke immer mehr Arbeit verrichteten, blieb für Männer seines Handwerks zunehmend weniger übrig.
Nicht minder auffällig waren drei Waschbären, die menschliche Sprache offenbar verstanden, ohne selbst sprechen zu können. Sie verständigten sich durch Gesten, Zeichnungen und eine erstaunliche Beharrlichkeit.
Auch Kuno Kargland suchte in Karnsgrat nach einer neuen Aufgabe. Der junge Knappe, dessen bisheriger Ritter nicht länger an seiner Seite war, hoffte auf eine Anstellung bei der örtlichen Wache. Doch die Männer, die das Dorf und seine gefährlichen Anlagen beschützten, erwiesen sich als überaus fähig und anspruchsvoll. In einem Übungskampf trat Kuno gegen den Wachmann Tristan an und unterlag. Der Wachhauptmann entschied daraufhin, den jungen Adligen nicht in seine Dienste zu nehmen. Tristan und sein Kamerad Karsten ließen Kuno jedoch nicht mit leerem Magen und gekränktem Stolz zurück: Sie spendierten ihm im „Taumelnden Haken“ ein Bier und begleiteten ihn später gemeinsam vor die Tür.
Dort kreuzten sich schließlich auch die Wege mit Victor, der sich in Karnsgrat zeitweise als Richard ausgegeben hatte. Sein experimenteller mechanischer Bohrarm zog Blicke auf sich, doch über den Mann selbst war kaum etwas zu erfahren. Er sprach wenig über seine Vergangenheit und wirkte, als habe er gute Gründe dafür.
Der Fünfte war Avenis aus Allerton, ein fahrender Barde, der weder mit Schwert noch Faust viel anzufangen wusste, dafür aber mit seiner Stimme und seiner Laute einen ganzen Schankraum verstummen lassen konnte. Noch am selben Abend machte er sich im „Taumelnden Haken“ einen Namen. Arbeiter, Wachen und Reisende legten ihre Gespräche nieder, als Avenis zu spielen begann, und selbst Wirtin Mara Vell konnte ihre Begeisterung kaum verbergen.
Die Ballade, die Avinis an diesem Abend vortrug, hatte er nie zuvor gesungen. Sie erzählte von ihm selbst – und von vier weiteren Gestalten, die ihm zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen fremd waren. Strophe für Strophe schienen sich Bilder und Worte in ihm zu formen. Jede Strophe galt einem anderen Reisenden, und immer wieder kehrte derselbe Refrain zurück:
„… wo seine Reise begann.“
Avenis wusste nicht, warum er gerade von diesen Menschen sang. Noch weniger wusste er, weshalb einige von ihnen das Gefühl beschlich, die unbekannte Ballade handle tatsächlich von ihnen.
Zwischen dem Duft von Bier, Öl und nasser Kleidung wartete im hinteren Teil der Taverne eine vermummte Gestalt. Der Fremde nannte keinen Namen, doch er suchte Menschen – oder Wesen –, die bereit waren, für Wissenschaft, Fortschritt und eine außergewöhnlich hohe Belohnung ein erhebliches Risiko einzugehen.
Der Auftrag klang zunächst beinahe lächerlich: Die Gruppe sollte möglichst frische Früchte von den schwebenden Wiesen beschaffen und sie nach Arnheim bringen. Doch die Wiesen standen unter der Kontrolle der mächtigen Adelsfamilie Siegbrand. Ihre Ernten wurden streng bewacht, und auf Diebstahl konnten Verstümmelung oder sogar der Tod stehen.
Dabei waren die kostbaren Früchte nicht einmal genießbar. Der Adel verwendete sie als Dekoration und Statussymbol und zahlte groteske Summen für besonders makellose Exemplare, die später auf Festtafeln und in Prunkräumen verrotteten.
Für jede Frucht, die spätestens am 10. Brakund frisch in Arnheim ankäme, wurden den Reisenden 5.000 Gulden versprochen. Da allein die Reise dorthin ungefähr eine Woche dauern würde, blieben nur wenige Tage für Planung und Beschaffung. Zwei andere Gruppen hatten denselben Auftrag bereits angenommen und waren noch in jener Nacht aufgebrochen.
Schon bald entstanden erste Ideen. Zilp könnte am Morgen die Arbeitsabläufe aus der Luft beobachten. Avenis könnte versuchen, als Unterhaltung mit den Erntearbeitern auf die Wiesen zu gelangen. Victor und die drei Waschbären zeigten auffälliges Interesse an dem gewaltigen, von Meisterschmied Boleg konstruierten Kran, der Menschen und Lasten hinaufbeförderte. Auch die Prüfkammern der Vereinigung des Fortschritts, ihre Bücher, Siegel und Genehmigungen gerieten in den Blick.
Ein fertiger Plan existierte noch nicht. Nur Möglichkeiten, Gefahren und das Versprechen von mehr Geld, als die meisten von ihnen je besessen hatten.
Als die Nacht über Karnsgrat hereinbrach, fanden die fünf Reisenden im Stall des „Taumelnden Hakens“ ihr Lager. Über ihnen knarrten die Balken, draußen sang der Wind in den Seilen der Kräne, und hoch über dem Dorf schwebten die Wiesen schweigend im Mondlicht.
Noch waren sie Fremde.
Doch Avinis hatte bereits von ihnen gesungen.
Aus den verbotenen Abschriften des Hofgelehrten Seredan Vaul, Kapitel VII aus „Von den sanften Zungen der Macht“ — ein Standardwerk zur Verhandlungskunst an den Höfen Mercatorias:
„Einst ward die Intrige am Königshofe. Und ging mit stolzem Schritte in des Palastes Mitte. Sie zeigte jedem ihren schönen Hals und ward bald von jedem Edelmann umbalzt. Kokett und geschickt wusste sie zu lenken, Macht, Einfluss und wie man die Fäden des Schicksals strickt.
So wandelt die Intrige durch die Geschichte und Zeit, ein Wesen gemacht für die Ewigkeit. Denn nie wird sie aufhören zu spinnen ihr Verschwörungsnetz und das Herz der Mächtigen vergiften mit ihrem süß-säuselnden Geschwätz. Doch wehe dem Tag, an dem der König selbst ihr anheim fällt.
Wenn sie das höchste Amt selbst um den Finger wickelt, ist es nicht weithin zu der Situation, wenn das Reich zerfällt und alles stets bleibt monoton.“
Dunkelheit. Nicht die Dunkelheit der Nacht. Nicht die Dunkelheit geschlossener Augen.
Eine alte Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die atmet.
Metall knirscht. Irgendetwas bewegt sich. Nicht draußen. Innen.
Ich höre sie noch immer. Ihre Stimmen.
„Sicherung intakt.“
„Das Geflecht reagiert nicht mehr.“
„Er kann uns nicht hören.“
Ein kehliges Lachen antwortet aus der Schwärze.
Doch. Ich höre euch noch. Jahrhunderte lang hörte ich euch. Eure Schritte. Eure Zweifel. Eure Kinder, die zu Männern wurden und starben, während ich blieb.
Etwas reißt. Ein metallisches Kreischen.
Dann Stille. Nein. Keine Stille. Herzschläge. Nicht meiner. Ihrer. Der Wächter.
So weich. So warm. So voller Hoffnung.
Eine andere Stimme flüstert in mir.
Noch nicht.
Nicht zerreißen.
Nicht jetzt.
Du brauchst sie noch.
Finger bewegen sich. Oder Klauen. Oder etwas dazwischen. Ich erinnere mich nicht mehr.
Schnee fällt durch einen Spalt aus Licht. Kalte Luft strömt herein. Freiheit riecht nach Blut.
Ein weiterer Schlag. Etwas bricht endgültig auf. Ich lächle. Es lächelt zurück. Vielleicht gibt es keinen Unterschied mehr.
Dann ein Flüstern:
Sie haben dich eingesperrt.
Nun sperrst du sie ein.
In ihre eigenen Mauern.
In ihre eigenen Lügen.
In ihr eigenes Reich.
Und irgendwo tief in der Finsternis beginnt etwas zu lachen. Nicht laut. Nicht wahnsinnig. Geduldig.
Hoch über den zerklüfteten Schluchten Fabricas schweben noch immer die Inseln.
Wie Tropfen eines vergessenen Traums hängen sie über den gewaltigen Canyons des Nordens. Felsen, die der Schwerkraft trotzen. Wiesen, die lautlos über den Nebeln treiben. Riesige Wurzeln hängen wie Adern aus Stein und Erde in die Tiefe hinab, während Kräne, Kettenzüge und Lastenaufzüge sich ächzend zwischen Himmel und Abgrund bewegen.
Unter ihnen liegt das Dorf Karnsgrat. Ein Ort aus Holz, Eisen und Staub, erbaut an den Füßen der schwebenden Felsen und direkt um den größten Verladekran der Region herum. Tag und Nacht drehen sich dort die gewaltigen Zahnräder der Hebemaschinen. Dampfleitungen zischen. Glocken läuten. Arbeiter brüllen Befehle gegen den Wind, während Plattformen mit Kisten, Werkzeugen und seltsamen Erzeugnissen aus den schwebenden Wiesen über die Köpfe der Menschen hinweg durch die Luft gleiten.
Die Luft riecht nach:
• kaltem Eisen,
• feuchtem Stein,
• Maschinenöl
An den Hängen rings um Karnsgrat kauern kleine Häuser aus dunklem Canyonholz zwischen schroffen Felsvorsprüngen. Viele Gebäude wurden direkt in die Klippen hineingebaut, verbunden durch Brücken, Leitern und schmale Stege. Nachts glimmen überall rote und blaue Kristalllampen zwischen Nebelschwaden und verleihen dem Dorf ein beinahe unwirkliches Aussehen.
Und über allem schweben die Wiesen. Still. Majestätisch. Unnatürlich.
Die Menschen hier haben gelernt, ihren Blick nicht zu lange nach oben zu richten. Manche behaupten, die Inseln bewegten sich manchmal nachts. Andere schwören, dass Werkzeuge in ihrer Nähe leichter würden oder für wenige Herzschläge den Boden verließen. Wieder andere erzählen bei zu viel Feuerfall-Schnaps von Stimmen, die aus den langen Wurzeln im Nebel flüstern.
Doch die meisten Menschen in Karnsgrat interessieren sich weniger für Geheimnisse als fürs Überleben.
Kristallwäscher schleppen ihre kärglichen Funde durch die Gassen. Händler preisen wertlose Wunderfrüchte an reiche Besucher aus Mercatoria an. Arbeiter fluchen über gebrochene Seile und schlecht geölte Aufzüge. Und Soldaten der Wache patrouillieren zwischen Kränen und Lagerhäusern, um sicherzustellen, dass niemand den Reichtum der schwebenden Wiesen anrührt.
Denn die Früchte dort oben mögen ungenießbar sein. Doch in den Hallen des Adels wiegen sie inzwischen beinahe mehr als Gold.
Mara Vell
Wirtin in Karnsgrat des taumelnden Hakens
Macht den besten Glutwurz-Eintopf
Auftritt: Session 1
Targen Mohl
Oberster Maschinist in Karnsgrat
Zuständig für den großen Tee-Kran des Dorfs
Auftritt: Session 2
Neuer NPC
Bulletpoint 1
Bulletpoint 2
Bulletpoint 3
Auftritt: Session xyz
Neuer NPC
Bulletpoint 1
Bulletpoint 2
Bulletpoint 3
Auftritt: Session xyz