Borin Krempel
Der Kumpel
Der Maschinist
Die Waschbären
Die dreisten drei
Kuno von Kargfels
Der knappe Knappe
Avaris aus Allerton
Der Barde
xyz.
xyz
Borin wurde vor dem Mineneingang überfallen und verschleppt. Der Rest der Truppe machte sich von der Höhle aus auf den Weg, um ihn zu retten, nachdem er ÜBEL ZUGERICHTET wurde. Und AUFGEKNÜPFT. War eine knappe Sache, aber dank TSCHILP ging nochmal alles gut aus und Borin konnte aus den Fängen des Spiellei... pardon, der Spießbrüder befreit werden.
Danach ging es gleich rasant weiter, als die Gang auf eine OBSIDIAN-MONSTROSITÄT mit besonderem Interesse für heimische Pilzarten traf. Diese konnte mit einem fulminanten magischen Manöver (irgendwas mit Teleport?) des Waschbär-Trios ausgeknockt werden. Puh!
xyz.
Die Flucht aus den Stollen führte die Gruppe tiefer in den Berg hinein – und gerade noch rechtzeitig fort von den Männern, die ihnen dicht auf den Fersen waren. Die drei Waschbären kannten bereits den Weg. Sie huschten durch jene Stelle, an der der Seitengang scheinbar unter Geröll verschüttet war, und verschwanden ohne Zögern durch die illusionäre Barriere. Für Viktor und Kuno von Kargfels war der Übergang deutlich schwieriger.
Alles an dieser Wand fühlte sich echt an. Kalter Stein. Unebenes Gestein. Widerstand unter den Händen.
Der Zauber gaukelte ihren Sinnen mit solcher Überzeugung vor, dass hier kein Durchkommen möglich war, dass sie sich regelrecht dagegen zwingen mussten, weiterzugehen. Mit Kraft und Vehemenz drängten sie sich durch das, was ihr Verstand als massiven Fels wahrnahm. Der Widerstand forderte seinen Preis. Schmerz schoss durch ihre Körper, Blut lief ihnen aus der Nase – doch schließlich brachen auch sie durch die Illusion.
Auf der anderen Seite öffnete sich eine Welt, die mit den dunklen Stollen hinter ihnen kaum etwas gemein hatte. Eine gewaltige Kristallgrotte lag vor ihnen. Bläuliche, violette und rötliche Kristalle durchzogen die Felsen und tauchten die Höhle in fremdartiges Licht. Dazwischen wuchsen überall lumineszierende Pilze, deren sanftes Leuchten sich mit dem Schein der Kristalle vermischte. Inmitten dieser verborgenen Welt lag ein unterirdischer See. Und am Rand dieser Grotte wartete jener ältere Mann, dem die Waschbären bereits begegnet waren. An seiner Seite: sein Wiesel. Der Mann stellte sich schließlich als Abornius vor.
Schnell wurde deutlich, dass der Druide nicht aus bloßer Eigenbrötelei in dieser verborgenen Höhle lebte. Er hatte sich einem Ziel verschrieben: dem Schutz der Flora und Fauna Fabricas. Und aus seiner Sicht war dieser Schutz nötiger denn je. Seit immer mehr Bodenschätze aus Fabrica geborgen, Kristalle aus den Bergen gebrochen und die Landschaft dem Drang nach Fortschritt untergeordnet wurden, sah Abornius die natürlichen Lebensräume Stück für Stück schwinden.
Die Kristallgrotte war für ihn deshalb kein Schatzlager. Sie war ein Rückzugsort. Ein Ort, den er vor der Außenwelt verborgen hielt. Die Illusion am Eingang diente genau diesem Zweck. Denn jene Männer, auf die die Gruppe im Stollen gestoßen war, suchten sehr wahrscheinlich genau nach einem solchen Ort. Nach Kristallen. Nach Reichtum. Nach etwas, das sich abbauen, verkaufen und zu Wohlstand machen ließ. Abornius wollte verhindern, dass sie Erfolg hatten.
Zunächst allerdings kümmerte er sich um seine Gäste. Er gab ihnen zu essen und zu trinken. Jeder erhielt ein kleines Reagenzglas mit einer seltsam gefärbten Tinktur. Kuno kostete vorsichtig davon. Avaris aus Allerton trank seine Portion. Viktor hingegen steckte das Gefäß lieber ein. Abornius ließ außerdem einen Beerenstrauch aus dem Boden wachsen und versorgte die Gruppe mit frischen Früchten. Nach den Ereignissen in den Stollen war dies eine willkommene Gelegenheit, überhaupt wieder zu Kräften zu kommen. Besonders neugierig zeigte sich Abornius erneut gegenüber den drei Waschbären. Schon ihr Verhalten erschien ihm ungewöhnlich. Sie bewegten sich nicht wie drei gewöhnliche Tiere. Sie schienen zusammenzugehören. Fast wie eine Einheit, die auf drei Körper verteilt war. Gemeinsam versuchten sie herauszufinden, woher die Waschbären eigentlich kamen. Dabei kam schließlich der alte Top Hat wieder ins Spiel. Im Inneren fand sich der Name des Herstellers: Hutmanufaktur Smith, Allerton. Daneben war ein weiterer Name eingraviert: Archibald Hieronymus Fernsby.
Damit hatte die Gruppe erstmals einen handfesten Hinweis auf die Vergangenheit ihrer drei ungewöhnlichen Begleiter. Vielleicht, so die neue Vermutung, würde sich in Allerton etwas über ihren Ursprung herausfinden lassen.
Während Viktor und Kuno sich weiter in der Höhle umsahen, blieb Abornius wachsam. Sie durften die Kristalle betrachten. Sie durften die Grotte erkunden. Aber sie sollten nichts beschädigen. Nichts abbrechen. Nichts mitnehmen. Der Druide machte unmissverständlich klar, dass er jede Veränderung an diesem Ort bemerken würde. Für ihn war die Grotte keine Ansammlung wertvoller Rohstoffe. Sie war ein lebendiger Teil der Natur.
Avaris hingegen tat das, was er am besten konnte. Er setzte sich mit seiner Laute hin und begann zu spielen. Abornius zeigte zunächst wenig Interesse. Zu tief saß offenbar seine Resignation über all das, was außerhalb dieser Höhle geschah. Geschichten über die Welt da draußen schienen ihn kaum noch zu erreichen. Doch während Avaris spielte, bemerkte er etwas Seltsames. Nicht nur die Saiten seiner Laute schienen zu schwingen. Etwas anderes antwortete. Irgendetwas in der Grotte geriet ebenfalls in Resonanz. Die Kristalle? Die Pilze? Der Stein selbst? Avaris konnte es nicht greifen.
Er spielte weiter und beobachtete dabei immer wieder den Druiden. Abornius verharrte in meditativer Ruhe. Fast regungslos. Doch als das Stück endete, glaubte Avaris aus dem Augenwinkel zu sehen, wie der alte Mann sich rasch eine einzelne Träne von der Wange wischte. Dann saß er wieder da, als wäre nichts geschehen. Schließlich kam Abornius auf den Grund zurück, weshalb er die Gruppe nicht einfach ziehen lassen wollte. Die Männer im Stollen verfügten über einen kleinen Gegenstand – jenes Gerät, das Udo bei sich getragen hatte. Abornius vermutete, dass diese Apparatur ihnen dabei half, die richtige Richtung durch den Berg zu finden. Selbst seine Illusion würde sie auf Dauer nicht schützen, wenn das Gerät die Männer immer wieder in Richtung der Kristallgrotte führte.
Deshalb bat er die Gruppe um Hilfe. Das Gerät musste verschwinden. Gestohlen. Zerstört. Unbrauchbar gemacht. Hauptsache, die Spürtruppe verlor die Möglichkeit, die Grotte wiederzufinden. Bevor sie sich dieser Aufgabe widmen würden, brauchten die Gefährten allerdings Ruhe. Also rastete die Gruppe in der geschützten Grotte. Wunden wurden versorgt. Kräfte kehrten zurück. Die Erschöpfung der vergangenen Tage fiel von ihnen ab. Einige nutzten die Gelegenheit sogar, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Und zwischen all dem kam es noch zu einem persönlicheren Moment.
Viktor und Avaris waren sich in den letzten Tagen deutlich nähergekommen. Schließlich offenbarte Viktor ihm etwas, das er nur ungern preisgab: Sein tatsächlicher Name war Viktor. Gegenüber Abornius hatte er sich zunächst als Moritz vorgestellt. Er bevorzugte es, seine wahre Identität nicht allzu leichtfertig preiszugeben. Nur leider war Avaris im Verlauf des Gesprächs ein kleines Missgeschick passiert. Er hatte ihn vor Abornius mit einem anderen Namen angesprochen. Damit war das Geheimnis zumindest in dieser Grotte keines mehr.
Die Gruppe kam wieder zuKräften. Doch über ihnen, irgendwo jenseits der Illusion, warteten weiterhin jene Männer, die nach den Kristallen suchten. Borin Krempl und Elisabeth befanden sich noch immer draußen am Eingang des Stollens. Und irgendwo in den dunklen Gängen lag jenes Gerät, das Abornius um jeden Preis verschwinden sehen wollte. Für die Gefährten gab es damit nur eine Frage: Wie vertreibt man eine Gruppe skrupelloser Kristallschürfer aus einem Berg, ohne ihnen dabei zu verraten, was sich wirklich hinter der Wand aus Stein verbirgt?
Auf der Flucht in den Stollen.
Karnsgrat lag hinter ihnen. Die Gruppe zog weiter ins Landesinnere Fabricas, Arnheim entgegen – durch eine Landschaft, die weniger einem bequemen Reiseweg als einem erstarrten Meer aus Gestein glich. Schluchten durchschnitten das Land, felsige Schichten lagen wie übereinandergeschobene Platten in der Ebene, dazwischen Flechten, niedrige Sträucher und kaum Vegetation, die wirklich Schutz bot. Einen klaren Weg gab es nicht. Nur die ungefähre Richtung nach Arnheim.
Um sich besser zu orientieren, stapelten sich die drei Waschbären kurzerhand aufeinander und wurden von Kuno Kargland noch zusätzlich in die Höhe gehoben. Von dort oben entdeckten sie in der Ferne mehrere alte Stolleneingänge. Vielleicht, so die Hoffnung, führten diese Schächte unterirdisch weiter und boten einen schnelleren Weg durch das zerklüftete Gelände. Die Gruppe entschied sich für den am weitesten entfernten Eingang, in dessen Nähe ein großer, ovaler Fels wie ein Hinkelstein aus der Landschaft ragte.
Doch bevor sie ihn erreichten, begann der Boden leicht zu beben. Dann kam das Hufgetrappel. Ein einzelner Reiter jagte mit hoher Geschwindigkeit aus Richtung Karnsgrat heran. Sofort ging die Gruppe in Deckung. Die Waschbären holten die gestohlenen Äpfel aus Elisabeths Satteltaschen, während Kuno sich bewusst sichtbar auf den Weg stellte und den ahnungslosen Reisenden spielte. Der Reiter raste mit voller Geschwindigkeit an ihm vorbei. Kuno erkannte noch das Zeichen des Post- und Zustellnetzwerks Olona sowie die typischen Satteltaschen für Depeschen und Schriftstücke. Dann war der Bote bereits wieder verschwunden. Nur eine Staubwolke blieb zurück. Wohin er wollte, war leicht zu erraten. Arnheim. Ob er Nachrichten aus Karnsgrat bei sich trug, wusste niemand. Doch der Gedanke lag nahe.
Am Stollen angekommen, fiel der Gruppe schnell auf, dass sie nicht allein war. Vor dem Eingang brannte eine Fackel. Kurz darauf hallte ein furchtbares Geräusch aus dem Berg: tiefes Knacken, Schaben und Mahlen, als würden gewaltige Steinplatten gegeneinander gedrückt. Borin Krempl, dem es an diesem Tag nicht besonders gut ging, blieb mit Elisabeth am Eingang zurück.
Die anderen betraten den Stollen. Der Hauptgang wurde immer wieder von Fackeln erhellt, die an Biegungen so aufgestellt waren, dass ihr Licht den weiteren Weg markierte. Seitlich zweigten immer wieder kleinere Schächte ab, die rasch in völliger Dunkelheit verschwanden. Viktor untersuchte einen dieser Gänge genauer. Zumindest im noch sichtbaren Bereich fanden sich keine Hinweise auf Einstürze oder größeren Steinschlag. Der Gang schien schlicht ungenutzt. Je weiter die Gruppe vordrang, desto deutlicher wurden Stimmen. Hinter der nächsten Biegung unterhielten sich mehrere Männer. Vier Gestalten konnten schließlich ausgemacht werden. Da war Boris, ein gewaltiger Hüne, dessen Körperkraft allein schon auffällig war. Daneben Bernhard, ein mittelgroßer Mann mit großer Axt auf dem Rücken und einer Rüstung, die im Fackelschein wie Leder wirkte. Ein älterer Mann namens Udo hielt ständig eine seltsame Apparatur in den Händen und betrachtete sie immer wieder. Seine Arme und Hände waren von zahlreichen Narben gezeichnet. Und schließlich war noch ein weiterer Mann bei ihnen. Das Gespräch ließ wenig Zweifel daran, mit wem man es zu tun hatte.
Die Männer suchten etwas. Und das Gerät in Udos Händen hatte ursprünglich jemand anderem gehört. Diesem Jemand hatten sie offenbar die Kehle durchgeschnitten. Die Gruppe entschied sich, mit solchen Leuten möglichst nichts zu tun haben zu wollen. Noch bevor sie sich zurückziehen konnten, wurde weiter gebohrt. Eine alte Tunnelbohrmaschine setzte sich lärmend in Gang. Ihr Bohrkopf hatte ungefähr einen Meter Durchmesser. Kurbelmechanik, Rauch, Öl und Treibstoffgeruch verrieten Viktor sofort, dass es sich um eine alte und recht primitive Apparatur handeln musste – vermutlich eine Konstruktion, wie sie vor Jahren noch im Tunnelbau eingesetzt worden war. Solche Maschinen brauchten nicht nur Sachkenntnis. Sie brauchten Kraft. Und damit erklärte sich auch Boris' Anwesenheit. Der gewaltige Lärm des Bohrers bot der Gruppe genug Gelegenheit, sich zurückzuziehen und dabei leise zu beraten.
Dann verstummte die Maschine. Und ausgerechnet in diesem Moment blieb Kuno an einer Kante hängen. Er stürzte. Der Schmerz entlockte ihm einen Laut. Viktor reagierte sofort und hielt ihm die Hand vor den Mund – doch es war zu spät. Die Männer hatten etwas gehört. Rufe wurden laut. Offenbar glaubten sie zunächst, ein weiterer Kumpan sei von seiner Austretpause zurückgekehrt. Avaris versuchte mit verstellter Stimme, diesen Irrtum aufrechtzuerhalten. Es funktionierte. Für einige Sekunden. Mehr nicht. Die Gruppe floh.
Kuno löschte noch im Vorbeilaufen eine Fackel aus, sodass ein Abschnitt des Hauptgangs in Dunkelheit versank. Dann verteilten sich die Gefährten auf zwei Seitenschächte und warteten. Bernhard rannte an ihnen vorbei und rief Boris zu, er solle zurückbleiben und aufpassen. Boris tat genau das. Er blieb im dunklen Hauptgang, lehnte sich an die Wand, trank etwas und wartete. Währenddessen hörten die Waschbären etwas, das sonst niemand wahrnahm.
Eine Stimme. Kein Geräusch aus dem Gang. Eher ein Säuseln direkt in ihren Köpfen. Sie fragte, wer oder was sie seien. Dann lockte sie sie weiter.
Dann kommt doch her. Her. Her. Her.
Die Waschbären folgten dem Ruf tiefer in ihren Seitenschacht. Nach mehreren Biegungen schien der Weg plötzlich zu enden. Geröll versperrte den Gang. Alles wirkte verschüttet. Und dennoch gingen sie weiter. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als würden sie durch etwas hindurchtreten. Dann lag eine vollkommen andere Welt vor ihnen. Eine gewaltige Grotte öffnete sich im Inneren des Berges. Bunte magische Kristalle leuchteten aus den Wänden und tauchten die Höhle in fremdartiges Licht. In ihrer Mitte lag ein kleiner unterirdischer See. Der Ruf kam von der anderen Seite. Dort begegnete den Waschbären zunächst ein Wiesel. Das Tier fauchte sie an. Kurz darauf erschien ein älterer Mann, an dessen Körper das Wiesel rasch hinaufkletterte. Der Fremde wirkte weniger verängstigt als neugierig. Er betrachtete die Waschbären, ihre Kleidung, ihren Topf und all die seltsamen Gegenstände, die sie bei sich trugen. Besonders interessiert beobachtete er, was sie aus ihrem Topf hervorholten – unter anderem ein kleines Teeservice.
Wer sie seien, wollte er wissen. Was sie seien. Die Waschbären versuchten es zu erklären. Mit Gesten. Mit Händen und Pfoten. Mit einem Zettel. Doch irgendwann fiel ihnen wieder ein, dass draußen noch ihre Freunde in einem Stollen voller Mörder festsaßen. Sie versuchten nun verzweifelt, dem alten Mann verständlich zu machen, dass sie Hilfe benötigten. Der verstand nur einen Teil. Vor allem verstand er eines: Menschen waren dort draußen. Und die wollte er unter keinen Umständen in seiner Grotte haben. Er warnte die Waschbären sogar davor, zu ihnen zurückzugehen. Sie sollten hier bleiben und warten, bis die Menschen verschwunden seien. Dass einige dieser Menschen ihre Freunde waren und andere eben nicht, ließ sich kaum vermitteln. Also machten die Waschbären kehrt.
Während sie zurückeilten, wurde die Lage draußen immer gefährlicher. Kuno begann aus seinem Versteck heraus kleine Steine in den Hauptgang zu werfen. Boris reagierte. Er richtete sich auf. Rief in die Dunkelheit. Forderte den unbekannten Störenfried auf, sich zu zeigen. Dann ging er in einen der Seitengänge hinein. Dort versteckten sich Viktor und Avaris. In der Dunkelheit bemerkte Boris Bewegung. Und schlug zu. Mit einer schweren Keule traf er Avaris am Kopf. Die Wunde war heftig. Blut lief dem Barden ins Gesicht, während er benommen zu Boden sank und versuchte, sich kriechend irgendwie vom Angreifer zu entfernen. Auch Viktor bekam einen Schlag ab, kam jedoch deutlich glimpflicher davon. Er zog sich zurück. Und begann sofort, in seinem mechanischen Arm Druck aufzubauen. Der Kampf war nun kaum noch zu vermeiden.
Kuno hörte die Rangelei. Er zog sein Schwert und stürmte in den dunklen Gang. Nur sehen konnte er fast nichts. Am Boden lagen und bewegten sich mehrere Gestalten durcheinander. Eine kleinere, wimmernde Gestalt kroch auf ihn zu. Avaris. Dann fluchte Boris laut. Das reichte. Kuno wusste jetzt, wo er zuschlagen musste. Sein Schwert traf den Hünen schwer. Boris wurde übel zugerichtet und begann nach Hilfe zu rufen. Kurz darauf waren aus dem Hauptgang bereits mehrere hastige Schritte zu hören. Verstärkung. Und sie kam schnell.
In diesem Moment kehrten die Waschbären zurück. Sie erfassten die Situation nahezu sofort. Der Hauptgang war dunkel. Boris taumelte verletzt aus dem Seitenschacht. Also stellten sich die drei Waschbären genau dort auf, wo er entlangmusste. Boris sah sie nicht. Er stolperte über die drei kleinen Körper. Der Hüne schlug der Länge nach auf dem Boden auf. Dann bewegte er sich nicht mehr. Doch die Gefahr war noch lange nicht vorbei. Avaris bemerkte inzwischen den metallischen Geruch des Blutes. Und da er Blut überhaupt nicht vertrug, verstand er sofort, was ihm da über das Gesicht lief. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Der Barde wurde bewusstlos. Die Waschbären zerrten nun hektisch an den Beinen ihrer Gefährten und versuchten ihnen klarzumachen, dass sie ihnen folgen sollten. Fort. Sofort.
Viktor und Kuno packten Avaris und begannen, ihn gemeinsam durch den dunklen Seitenschacht zu schleppen. Hinter ihnen kamen die Schritte näher. Vor ihnen wartete die verborgene Grotte. Und irgendwo dort drinnen ein alter Mann, der ziemlich deutlich gemacht hatte, dass er eigentlich keine Menschen bei sich haben wollte.
Die Gruppe war zwar Karnsgrat entkommen. Doch nun floh sie erneut. Diesmal nicht über offene Felsen. Sondern tiefer in einen Berg hinein.
Flucht aus Karnsgrat.
Die Nacht über Karnsgrat begann beinahe friedlich.
Im „Taumelnden Haken“ hatte Avaris aus Allerton erneut die Aufmerksamkeit des gesamten Schankraums auf sich gezogen. Doch diesmal erzählte seine Ballade weit mehr, als die Zuhörer ahnten. Verkleidet als Fabel besang er drei Mäuse, die den Mond stehlen – eine Geschichte über kleine Wesen, die nach etwas greifen, das ihnen eigentlich unerreichbar sein sollte. Für die meisten Gäste war es lediglich eine unterhaltsame Geschichte. Für Avaris und seine Gefährten war es die Geschichte ihres eigenen Tages.
Die gesamten Einnahmen des Abends überließ der Barde Mara Vell und ihrem Mann. Damit war zugleich ein Gefallen bezahlt: Am kommenden Morgen sollten die Wirtsleute das Schreiben überbringen, das die Gruppe mit viel Tinte, wenig Glaubwürdigkeit und einem äußerst zweifelhaften Kartoffelsiegel des Hauses Siegbrand angefertigt hatte. Eine Warnung vor jener falschen Prüfungskommission, die sie selbst verkörperten – und hoffentlich eine weitere Spur, die Verwirrung stiften würde, sobald ihre Tarnung endgültig zusammenbrach.
Der bereits erbeutete Apfel wurde sicher verstaut – in den Satteltaschen von Elisabeth, Kunos treuer Gefährtin, die der Knappe selbst selbstverständlich und unbeirrbar für ein Pferd hält.
Dann wurde es still. Zumindest unten.
Hoch über dem Dorf hatten die drei Waschbären ganz andere Sorgen.
Sie waren auf den schwebenden Wiesen zurückgeblieben und hatten aus Plane, Seilen und einem Korb jene Konstruktion gefertigt, die zuvor nur als waghalsiger Plan existiert hatte: einen improvisierten Gleiter, der sie mitsamt ihrer Beute hinunter zum Boden bringen sollte.
Fünf Äpfel legten sie in den Korb.
Dann kam der Absprung.
Schon beim Start zeigte sich, dass eine gute Konstruktion nicht zwangsläufig einen guten Flug bedeutete. Die Waschbären hatten Mühe, den Gleiter richtig in die Luft zu bekommen. Als die Plane schließlich griff, offenbarte sich ein weiterer Fehler: Im oberen Bereich hatte sich ein kleines Loch gebildet.
Sie verloren zu schnell an Höhe.
Der Versuch, den Schaden während des Falls zu reparieren, scheiterte.
Unter ihnen lag die Dunkelheit. Über dem Fluss hatte sich Nebel gesammelt und verbarg Teile der Landschaft. Irgendwo dort unten warteten ihre Gefährten. Vier Fackeln und ein großes ausgespanntes Tuch sollten ihnen den Weg zur Landezone weisen – und vor allem verhindern, dass drei Waschbären samt einem Vermögen an ungenießbarem Obst im Fluss verschwanden.
Dann griff der Wind nach ihnen.
Eine heftige Böe riss den Gleiter zur Seite. Der Korb kippte, Seile spannten sich und einer der Waschbären verlor den Halt. Für einige Augenblicke hing er außerhalb der Konstruktion über dem Abgrund und kämpfte darum, nicht in die Tiefe zu stürzen.
Gemeinsam gelang es den anderen, ihn wieder hineinzuziehen.
Doch der Gleiter war zu schwer. Die Entscheidung fiel schnell. Zwei Äpfel mussten gehen.
Sie verschwanden in der Tiefe, während der nun leichtere Korb sich zumindest etwas besser stabilisieren ließ. Drei blieben übrig.
Und dann begann über ihnen der Morgen. Die erste Transportplattform erreichte die schwebenden Wiesen. Damit trat ein Befehl in Kraft, den Viktor und Avaris bereits am Vortag heimlich in zwei der mechanischen Vogelscheuchen hinterlassen hatten. Die Wächter erwachten. Und sie begannen, den Hain zu zerstören. Bäume wurden aus dem Boden gerissen. Äste brachen. Früchte wurden über den Rand der schwebenden Wiese geschleudert.
Für die Waschbären bedeutete dies plötzlich noch eine weitere Gefahr. Der Himmel selbst schien auf sie herabzustürzen. Äpfel sausten an ihrem Gleiter vorbei. Äste und Holzstücke fielen durch die Luft, einige trafen sogar die Konstruktion. Hoch über ihnen herrschte immer größeres Chaos.
Unten in Karnsgrat begannen Glocken zu läuten. Rufe wurden laut. Das Dorf erwachte in Aufruhr.
Doch die Waschbären waren inzwischen fast am Ziel. Die improvisierte Konstruktion hielt gerade lange genug durch. Kurz vor der Landung gab sie schließlich nach – doch die Gefährten am Boden waren bereit.
Die drei Tiere wurden eingesammelt. Und mit ihnen landeten drei unversehrte Äpfel. Gemeinsam mit jener Frucht, die Avaris bereits zuvor in seiner Laute nach unten geschmuggelt hatte, befanden sich nun vier der kostbaren Früchte im Besitz der Gruppe.
Für eine Feier blieb keine Zeit.
Die Gefährten machten sich vom Fluss aus auf den Weg zurück hinauf zum Dorf. Der schmale Gebirgspfad führte sie schließlich wieder in Richtung Karnsgrat. Noch bevor sie den Ort richtig einsehen konnten, stürmte ihnen ein Dorfbewohner entgegen.
Etwas hielt er fest in der Hand. Dann schlugen drei Pfeile in seinen Rücken. Der Mann brach zusammen.
Der Gegenstand rutschte ihm aus den Fingern und schlug auf dem Boden auf. Ein Apfel. Die Frucht zerplatzte. Als die Gruppe vorsichtig weiterblickte, erkannte sie, was im Dorf vor sich ging.
Ein Konvoi war eingetroffen. Wagen standen bereit, um die geprüfte Ernte abzutransportieren. Mit ihnen war jene reguläre Prüfungsgesellschaft angekommen, vor deren Erscheinen die Gruppe sich bereits gefürchtet hatte. Eine der für den Transport vorgesehenen Kisten war aufgebrochen worden. Jemand hatte offenbar versucht, an die darin befindlichen Früchte zu gelangen. Ob es sich um Mitglieder einer der anderen Gruppen handelte, die denselben Auftrag wie die Gefährten erhalten hatten, konnten sie nicht erkennen.
Doch eines war deutlich: Der Wettlauf um die Äpfel hatte Spuren hinterlassen. Dann wurden auch sie entdeckt. Eine Wache löste sich aus dem Durcheinander und eilte auf die Gruppe zu.
Noch war sie zu weit entfernt, um ihnen etwas zuzurufen. Noch wenige Augenblicke – und die Gefährten hätten erklären müssen, warum sie ausgerechnet jetzt außerhalb des Dorfes standen. Da erschütterte ein ohrenbetäubender Knall die Luft.
Hoch über Karnsgrat leuchtete auf den schwebenden Wiesen eine gewaltige Explosion auf. Für einen Moment schien jeder im Dorf nach oben zu blicken. Auch die heraneilende Wache. Dann machte sie kehrt und rannte zurück zum Kran.Niemand wusste, was dort oben explodiert war.
Die Gefährten warteten nicht darauf, es herauszufinden. Mit vier gestohlenen Äpfeln, drei erschöpften Waschbären und einer Tarnung, die vermutlich nur noch Stunden Bestand haben würde, ließen sie Karnsgrat hinter sich.
Vor ihnen lag der Weg nach Arnheim. Hinter ihnen läuteten noch immer die Glocken. Und über den schwebenden Wiesen stieg Rauch in den Himmel.
Damit endete der Prolog ihrer Reise – und für jeden der Gefährten begann eine neue Stufe seines Abenteuers.
Die Entdeckung von Borins Apfel auf der Plattform
Noch immer befand sich die ungewöhnliche Reisegesellschaft auf den schwebenden Wiesen über Karnsgrat – und inzwischen hatten Viktor und Avaris aus Allerton begonnen, die mechanischen Vogelscheuchen beinahe besser zu verstehen als jene Männer, die für ihre Wartung verantwortlich waren.
Nachdem sämtliche noch funktionstüchtigen Wächter auf Viktors Stimme kalibriert worden waren, nutzten die beiden die Gelegenheit für weitere Versuche. Dabei offenbarte sich nach und nach, wie einfach – und zugleich wie gefährlich – die Konstruktionen tatsächlich funktionierten.
Die Vogelscheuchen waren grundsätzlich darauf eingestellt, die begehrten Früchte der Wiesen zu erkennen und deren unerlaubte Bewegung zu verhindern. Befehle konnten dieses Verhalten verändern, doch die Maschinen waren keineswegs in der Lage, komplizierte Anweisungen zu speichern. Sie konnten immer nur einen gesprochenen Befehl gleichzeitig befolgen. Eine neue Anweisung ersetzte die vorherige.
Auch mit Zeit konnten sie nichts anfangen. Eine Aufforderung wie „Tu dies in zehn Minuten“ blieb für sie bedeutungslos. Damit ein verzögerter Befehl funktionierte, brauchte die Maschine einen eindeutig wahrnehmbaren äußeren Reiz.
Diese Erkenntnis brachte Viktor und Avaris auf eine Idee.
Zwei der funktionsfähigen Vogelscheuchen erhielten heimlich den Auftrag, am kommenden Morgen tätig zu werden – und zwar genau dann, wenn die Transportplattform erstmals wieder die schwebenden Wiesen erreichte. In diesem Moment sollten die Maschinen beginnen, Früchte über den Rand der Insel zu werfen, Bäume herauszureißen und den Hain zu verwüsten.
Das Ziel war einfach: Chaos.
Niemand bemerkte die Manipulation. Für Targen Mohl war Viktor weiterhin lediglich der Maschinist einer vermeintlichen Prüfungskommission, dem er ausdrücklich gestattet hatte, die Geräte zu untersuchen. Targen hoffte sogar noch immer darauf, dass Viktor vielleicht einen Weg finden würde, die beschädigte Vogelscheuche wieder instand zu setzen.
Dies gelang zwar nicht – doch Viktor erhielt dadurch mehr Freiraum, als vermutlich irgendjemandem auf den Wiesen lieb sein konnte.
Eine dritte funktionsfähige Vogelscheuche sollte Targen zufolge am zentralen Sammelplatz eingesetzt werden, um die letzte oder vorletzte Arbeiterfuhre des Tages zusätzlich zu überwachen. Viktor führte die Maschine dorthin und versah auch sie mit einem besonderen Befehl: Sobald die Transportplattform unten angekommen wäre, sollte sie von der schwebenden Wiese springen, die große Distanz zum Festland überwinden, sich bei der Landung abrollen und dort stehen bleiben. Es war zugleich ein Experiment. Ob die Maschine einen solchen Sprung tatsächlich überstehen konnte, sollte sich allerdings nicht mehr zeigen.
Als sich die Plattform mit den Erntearbeitern, ihren Werkzeugen und der Gruppe in Bewegung setzte, erwachte plötzlich ein ganz anderes Interesse in der Vogelscheuche.
Die Reisenden hatten ihr zwar befohlen, den in Avaris’ Laute versteckten Apfel zu ignorieren. Doch niemand hatte daran gedacht, dass Borin Krempl bereits zuvor einen weiteren Apfel unterhalb der Plattform befestigt hatte.
Mit dem Abstieg bewegte sich diese Frucht.
Und die Vogelscheuche bemerkte sie.
Ohne Vorwarnung sprang die schwere Maschine auf die bereits dicht gefüllte Plattform. Menschen wurden zur Seite gedrängt, Arbeiter schrien auf und für einen Moment bestand die reale Gefahr, dass jemand über den Rand in die Tiefe stürzen könnte.
Die Gruppe konnte Schlimmeres verhindern.
Doch die Vogelscheuche hatte ihr Ziel längst ausgemacht.
Sie schlug ihre metallene Hand durch die hölzernen Planken und begann, den Boden der Plattform aufzubrechen. Holz splitterte. Von unten war ein feuchtes Schmatzen zu hören.
Viktor wusste sofort, was geschehen war.
Im allgemeinen Tumult sprach er einen möglichst unauffälligen neuen Befehl:
Stopp.
Die Maschine erstarrte.
Doch damit war auch die vorherige Anweisung aufgehoben, den Apfel in Avaris’ Laute zu ignorieren.
Avaris zog sich daraufhin so weit wie möglich an das gegenüberliegende Ende der Plattform zurück und achtete darauf, nicht in das Sichtfeld des mechanischen Wächters zu geraten.
Als die Plattform schließlich Karnsgrat erreichte, wartete bereits die nächste Gefahr.
Jeder Arbeiter wurde kontrolliert.
Wachen durchsuchten Taschen, tasteten Kleidung ab und prüften sorgfältig, ob jemand eine der wertvollen Früchte von den Wiesen geschmuggelt hatte.
Avaris ging in die Offensive. Noch bevor jemand seine Rolle hinterfragen konnte, verließ er die Plattform und erklärte, dass er im Rahmen der Prüfungskommission nun seinerseits die Kontrollen beobachten müsse.
Dann geriet er selbst in die Untersuchung.
Seine Laute hielt er möglichst hoch über seinem Kopf, während die Wachen ihn abtasteten.
Kuno von Kargfels begann gleichzeitig, die Wachleute in ein Gespräch zu verwickeln. Viktor erkannte ebenfalls, wie gefährlich die Situation wurde, und gab der Vogelscheuche erneut einen Befehl.
Die Maschine sollte sich wieder der Unterseite der Plattform widmen.
Sofort brach der Tumult erneut aus.
Mit gewaltiger Kraft schlug die Vogelscheuche weiter auf die Planken ein. Holz zerbarst, ein großes Loch entstand – und schließlich zog sie ihre Hand wieder hervor.
Zwischen den Metallfingern klebten Apfelsaft und Fruchtbrei.
Von Borins sorgfältig befestigter Beute war nicht mehr viel übrig.
Doch die Ablenkung funktionierte.
Die Wachen wandten sich der beschädigten Plattform zu und Avaris konnte durch die Kontrollstelle gelangen, ohne dass jemand seine Laute noch genauer untersuchte.
Der Apfel darin hatte den Weg von den schwebenden Wiesen nach Karnsgrat geschafft.
Avaris machte sich schnurstracks auf den Weg zum „Taumelnden Haken“.
Dort begrüßten ihn Mara Vell und ihr Mann bereits beinahe wie einen alten Bekannten. Avaris kündigte an, dass die Ereignisse dieses Tages dringend in einem neuen Lied verarbeitet werden müssten, und versprach, sämtliche Einnahmen seines Auftritts am Abend dem Wirtshaus zu überlassen.
Im Gegenzug bat er lediglich um einen kleinen Gefallen: Am nächsten Morgen sollte jemand ein Schreiben von ihm zur Wache oder einer anderen verantwortlichen Stelle bringen.
Nach und nach trafen auch seine Gefährten wieder in der Taverne ein.
Dort erreichte sie eine Nachricht, die ihre Pläne plötzlich unter erheblichen Zeitdruck setzte.
Am nächsten Tag würde die reguläre Prüfungskommission eintreffen.
Jene Männer und Frauen also, für die sich die Gruppe seit Tagen ausgegeben hatte.
Spätestens wenn Targen von der unangekündigten „Prüfung“ des Vortages berichtete, den gestellten Fragen, den technischen Untersuchungen und den seltsamen Besuchern auf den Wiesen, würde jemand feststellen, dass hier etwas nicht zusammenpasste.
Ihre Tarnung hatte ein Ablaufdatum bekommen.
Die Gruppe entschied sich deshalb für einen weiteren Versuch, Verwirrung zu stiften.
Avaris begann ein Schreiben aufzusetzen, das angeblich vor einer falschen Prüfungskommission warnen sollte – also genau vor jener Gruppe, die sie selbst darstellten. Das Dokument sollte möglichst den Eindruck erwecken, dass auch höhere Stellen bereits von den Betrügern erfahren hatten.
Dazu gehörte allerdings ein Siegel der Familie Siegbrand.
Ein echtes besaßen sie natürlich nicht.
Also wurde improvisiert.
Mara stellte ihnen eine Kartoffel zur Verfügung, Siegelwachs wurde besorgt und Viktor verwendete den besonders filigranen Aufsatz seines mechanischen Arms, um ein Negativ des Siegbrand-Wappens in die Kartoffel zu schneiden.
Das Ergebnis war alles andere als meisterhaft.
Vielleicht würde gerade das helfen.
Denn die Absicht des Schreibens bestand nicht darin, eine perfekte Fälschung zu schaffen. Es sollte Zweifel säen, falsche Spuren legen und möglichst den Verdacht erwecken, dass eine fremde Macht oder vielleicht sogar eine rivalisierende Adelsfamilie hinter den Vorkommnissen auf den Wiesen steckte.
Währenddessen liefen bereits die Vorbereitungen für einen noch gewagteren Teil ihres Vorhabens.
Die drei Waschbären waren nicht mit der Plattform nach Karnsgrat zurückgekehrt.
Sie befanden sich weiterhin auf den schwebenden Wiesen.
Dort sollten sie in der Nacht mit einer selbst entworfenen Gleitkonstruktion und möglichst mehreren gestohlenen Früchten den gefährlichen Weg hinab wagen.
Für ihre Landung beschaffte die Gruppe Fackeln und ein großes Tuch, mit denen vom Boden aus eine geeignete Stelle markiert und die Ankunft unterstützt werden sollte.
Und irgendwo weit über Karnsgrat warteten weiterhin zwei mechanische Vogelscheuchen auf den ersten Aufstieg der Plattform am kommenden Morgen.
Sobald sie ihn sahen, würden ihre Befehle beginnen.
Dann würden Bäume brechen.
Früchte würden fallen.
Und spätestens dann dürfte auf den schwebenden Wiesen niemand mehr von einem gewöhnlichen Arbeitstag sprechen.
Viktor bzw. Richard und Avaris bei der Kalibrierung der mechanischen Wächter.
Die vierte Spielsitzung führte die Gruppe tiefer denn je in das Geheimnis der mechanischen Vogelscheuchen auf den schwebenden Wiesen hinein. Während über den Plantagen weiter geerntet, geprüft und bewacht wurde, nutzten die Reisenden die Verwirrung der vergangenen Ereignisse, um sich selbst in eine immer günstigere Position zu bringen.
Im Mittelpunkt stand dabei zunächst Viktor. Gemeinsam mit dem sichtlich überforderten Targen Mohl untersuchte er die beschädigte Vogelscheuche, die beim letzten Mal durch einen Kurzschluss außer Gefecht gesetzt worden war. Targen gelang es nicht, die Maschine wieder instand zu setzen, und seine Verzweiflung wuchs mit jedem vergeblichen Handgriff. Schließlich ließ er sich von Viktors Geschick überzeugen und gewährte ihm weitreichenden Einblick: Baupläne, Werkzeug und technische Unterlagen zu den Vogelscheuchen wurden ihm zur Verfügung gestellt.
Damit öffnete sich für Viktor eine neue Tür.
Nicht nur sichtete er die Konstruktionspläne, sondern er lernte auch die vollständige Formel kennen, mit der sich den Wächtern Befehle erteilen ließen. Gemeinsam mit Avaris aus Allerton wagte er anschließend etwas, das bis dahin nur Targen selbst vorbehalten gewesen war: Sie versuchten, die verbliebenen Vogelscheuchen auf Viktors Stimme neu zu kalibrieren.
Tatsächlich gelang ihnen dieses waghalsige Unterfangen.
Die beiden testeten Befehle, veränderten die mechanischen Einstellungen an den Hörorganen der Apparaturen und erprobten, wie empfindlich die Wächter auf neue Stimmprofile reagierten. Avaris versuchte dabei sogar, Targens Stimme nachzuahmen, um die Funktionsweise besser zu verstehen. Doch die Technik erwies sich als eigensinnig. Zwar ließ sich den Maschinen befehlen, den in Avaris’ Laute verborgenen Apfel nicht zu beachten, doch sobald neue Anweisungen hinzukamen – etwa ihnen zu folgen –, begann die Konstruktion dennoch wieder, nach dem Instrument zu greifen und Avaris festzuhalten. Die Anweisung musste erneut erteilt werden. So zeigte sich, dass die Befehle funktionierten, aber offenbar nicht so einfach und dauerhaft wirkten, wie die Gruppe gehofft hatte.
Als Targen später zurückkehrte, bemerkte er sofort, dass an den Kalibrierungen der Maschinen etwas verändert worden war. Er reagierte jedoch überraschend gelassen. Vielleicht, weil ihm die Lage längst entglitt, vielleicht auch, weil er froh war, nicht allein für das Verhalten dieser unbezahlbar teuren Konstruktionen verantwortlich zu sein. Vorerst ließ er Viktor gewähren und zog sich wieder zurück.
In dieser Zeit machte Viktor noch eine weitere Entdeckung. Er öffnete heimlich die Fernbedienung, mit der sich die Maschinen aktivieren und deaktivieren ließen, und entnahm daraus einen kleinen, eingefassten Stein. Danach verschloss er das Gerät wieder, ohne dass Targen Verdacht schöpfte.
Später untersuchte Borin Krempl den Stein genauer. Mit dem geschulten Blick eines Kristallschürfers und mithilfe seines Okulars erkannte er, dass es sich keineswegs um einen Kristall handelte. Es war schlicht ein Stein – doch ein magischer. Noch bemerkenswerter war, dass Borin sicher sagen konnte, dass dieses Gestein nicht aus den Bergen oder Felsspalten Fabricas stammte. Seine Herkunft lag anderswo.
Damit war klar: Der Schalter zur Aktivierung der Vogelscheuchen beruhte auf etwas, das selbst den kundigsten Männern vor Ort fremd war.
Während Viktor und Borin technische und materielle Erkenntnisse sammelten, dachte die Gruppe zugleich weiter über ihren eigentlichen Plan nach. Der Diebstahl sollte gelingen – aber nicht nur durch eine einzige Frucht. Es ging inzwischen um die Möglichkeit, mehrere Exemplare von den schwebenden Wiesen nach unten zu bringen.
Eine der gewagtesten Ideen betraf die drei Waschbären: Könnte man sie nicht mit einer selbstgebauten Gleit- oder Fallschirmkonstruktion in der Nacht oder im Morgengrauen von der Wiese hinabbringen? Sie würden dann verborgen oben bleiben, mehrere Früchte in einem Korb mitführen und langsam zu Boden schweben. Gemeinsam entwarfen Viktor und die Waschbären einen entsprechenden Bauplan. Das Ergebnis war erstaunlich gut – ein durchdachtes Konstrukt, das in der Theorie tatsächlich eine Chance bot.
Noch musste sich allerdings zeigen, ob ein solcher Plan auch in der Praxis trug.
Denn der Weg nach unten blieb gefährlich. Unter den schwebenden Wiesen lag nicht nur Land, sondern auch der Fluss, in den die Flugkonstruktion oder ihre wertvolle Fracht stürzen könnte.
Auch Kuno Kargland trug seinen Teil zur Vorbereitung bei. Unter dem Vorwand der vermeintlichen Prüfungskommission gelang es ihm, Materialien zu beschaffen, die für den Bau der Konstruktion nützlich waren: eine Plane, eine Sichel, eine Schere. Borin wiederum stellte Seil zur Verfügung. Kuno nutzte dabei geschickt die Gelegenheit, Werkzeuge der Feldarbeiter „zu inspizieren“, ohne dass jemand seine Forderung ernsthaft in Frage stellte.
Weitere Erkenntnisse gewann die Gruppe auch über die Transportkisten. Kuno klopfte einige davon genauer ab und stellte fest, dass sie am Boden mit einer schützenden Schicht aus Watte, Holzwolle oder einem ähnlichen Material ausgekleidet waren. Die Früchte lagen darin gepolstert, was sie beim Transport schützte – zugleich aber auch neue Überlegungen aufwarf, ob sich vielleicht etwas in solchen Kisten verbergen oder zwischen ihrer Ladung schmuggeln ließe.
Parallel dazu bemühte sich Avaris weiterhin, seine Rolle als Teil der angeblichen Prüfungskommission auszubauen. Er schlug Targen vor, einen Bericht über die Probleme und Mängel der bisherigen Prototypen zu verfassen, damit daraus möglicherweise Verbesserungen oder neue Exemplare hervorgehen könnten. Targen begegnete diesem Gedanken zunächst mit bitterem Spott: Eine einzige solche Maschine sei so teuer wie das ganze Dorf Karnsgrat. Doch schließlich erkannte er offenbar, dass ein offizielles Schreiben ihm selbst helfen könnte, die Verantwortung für die Schäden abzufedern.
Er erklärte sich deshalb bereit, ein entsprechendes Dokument aufzusetzen – gedacht für jene Stellen, die im Namen des Adels oder sogar des Herrscherhauses mit der Angelegenheit befasst waren.
Am Ende der Sitzung war der Heist selbst noch nicht vollzogen, aber die Lage hatte sich deutlich verändert. Die Gruppe wusste nun mehr über die Wächter als je zuvor. Sie kannte die Befehlsformeln, hatte die Stimmenkalibrierung erfolgreich manipuliert, einen magischen Stein aus dem Steuergerät entnommen, einen Bauplan für eine Luftflucht entworfen und weitere Materialien gesammelt.
Vor allem aber stand sie nun vor einer Entscheidung.
Sollte Avaris riskieren, den Apfel in seiner Laute tatsächlich nach unten zu schmuggeln?
Würde es gelingen, die unter der Plattform befestigte Frucht sicher in Karnsgrat an sich zu bringen?
Und könnten die Waschbären mit ihrer waghalsigen Konstruktion wirklich samt mehrerer Früchte lebend und unentdeckt den Boden erreichen?
Die nächste Etappe war vorbereitet.
Nun musste sich zeigen, ob aus Planung und Kühnheit tatsächlich ein geglückter Diebstahl werden konnte..
Ein Kurzschluss durch Waschbären-Befall.
Die dritte Spielsitzung begann dort, wo die vorherige geendet hatte: zwischen den Obstbäumen der schwebenden Wiesen, fernab der Arbeiter und nur wenige Schritte von den neuartigen mechanischen Wächtern entfernt.
Den drei Waschbären war es gelungen, einen der großen Äpfel vom Baum zu lösen. Die Frucht selbst weckte keinerlei Begeisterung in ihnen. Sie kannten ihren widerwärtigen Geschmack bereits und wussten, dass sie für nichts anderes taugte als für jene kostspielige Mode, mit der sich der Adel des Reiches derzeit schmückte. Dennoch war jeder einzelne Apfel ein Vermögen wert.
Während Targen Mohl eine der mechanischen Vogelscheuchen zum zentralen Sammelplatz führte, blieb die Konstruktion plötzlich stehen. Ihr verhüllter Kopf drehte sich unmittelbar in Richtung der gestohlenen Frucht.
Die Waschbären setzten den Apfel vorsichtig auf dem Boden ab. Sofort begann sich der Wächter auf das Gebüsch zuzubewegen. In aller Eile zogen die drei ihren Zylinder hervor, stülpten ihn über die Frucht und schossen gemeinsam in das nächste Versteck davon. Sobald der Apfel nicht mehr bewegt wurde, hielt auch die Vogelscheuche inne. Erst ein erneuter Befehl Targens brachte sie dazu, ihren ursprünglichen Weg fortzusetzen.
Dabei konnten die Waschbären weitere Bruchstücke jener fremdartigen Befehlsformel aufschnappen, mit der Targen die Maschine führte. Die Losung begann offenbar mit „Activa ...“, darauf folgte der eigentliche Befehl – in diesem Fall die Anweisung, ihm zu folgen – und endete mit den Worten: „Verbum finitum.“
Am zentralen Sammelplatz sollte die Vogelscheuche anschließend vor den Augen der vermeintlichen Prüfungskommission einem weiteren Feldversuch unterzogen werden. Borin Krempel erklärte sich mutig als Freiwilliger, obwohl ihm zunächst kaum jemand erläuterte, worauf er sich dabei einließ.
Karsten reichte ihm ein vorbereitetes Schreiben. Borin konnte nur wenig davon entziffern, erkannte jedoch die Art des Dokuments aus seiner Zeit im Bergbau wieder und setzte seine krakelige Unterschrift darunter. Avaris aus Allerton erhaschte einen kurzen Blick auf den Text und verstand zumindest so viel, dass es sich um einen umfassenden Haftungsausschluss handelte. Wer auf den schwebenden Wiesen arbeitete oder an einem Versuch teilnahm, verzichtete offenbar auf zahlreiche Ansprüche, sollte es zu Verletzungen oder anderen Unglücksfällen kommen.
Borins Aufgabe klang zunächst einfach: Er sollte eine Frucht aus einem der offenen Körbe nehmen, während die Vogelscheuche den Platz überwachte.
Noch bevor das Experiment beginnen konnte, nutzten die Waschbären jedoch die allgemeine Ablenkung für einen weiteren Diebstahlsversuch. Arbeiter und Wachen beobachteten gespannt den mechanischen Wächter, während die drei sich an einen der gefüllten Körbe heranschlichen. Doch diesmal verließ sie ihr Geschick. Beim Versuch, übereinander balancierend an die Früchte zu gelangen, brach ihr kleiner Turm zusammen. Einer von ihnen krallte sich am Rand des Korbes fest und rutschte unter deutlichem Lärm daran hinab.
Zwei Wachen wurden sofort aufmerksam.
Nagetiere durfte es auf den schwebenden Wiesen eigentlich nicht geben. Das künstlich erhaltene Ökosystem bestand aus den Pflanzen, den für sie notwendigen Insekten und den Menschen, die sie bewirtschafteten. Andere Tiere waren ferngehalten oder längst beseitigt worden.
Der Anblick der Waschbären löste deshalb augenblicklich Alarm aus.
Die Wachen stürmten auf sie zu. Die drei schlugen Haken, verschwanden im Gebüsch und brachen in verschiedene Richtungen wieder daraus hervor. Zwei entkamen dem ersten Zugriff, doch der dritte wurde von einem heftigen Tritt getroffen und mehrere Schritte weit zur Seite geschleudert.
Unter dem Druck der Verfolgung geschah plötzlich etwas Unerwartetes: Neben den drei Waschbären erschienen drei täuschend echte Spiegelbilder. Für die Wachen standen dort mit einem Mal sechs Tiere.
Einer der Verfolger schickte seinen Kameraden Kaspar zurück zum Sammelplatz, um Verstärkung zu holen. Hier oben müsse sich ein ganzes Nest dieser Wesen befinden. Die verbleibende Wache setzte die Jagd fort, konnte mit den flinken Tieren jedoch kaum Schritt halten.
Am Sammelplatz geriet währenddessen das geplante Experiment beinahe in Vergessenheit. Borin fragte noch einmal, ob er nun mit dem Versuch beginnen solle, doch im allgemeinen Tumult nahm kaum jemand von ihm Notiz. Also griff er nach einem Apfel.
Die Vogelscheuche richtete sich sofort auf ihn aus.
Borin erkannte, dass nicht er selbst das Ziel der Konstruktion war, sondern die bewegte Frucht in seiner Hand. Er warf den Apfel in hohem Bogen von sich. Der Kopf der Maschine folgte der Flugbahn, während Targen lautstark darüber fluchte, dass schon wieder unnötiger Ausschuss produziert werde.
Damit hatte Borin eine entscheidende Beobachtung gemacht: Der Wächter verfolgte die Bewegung der Frucht.
Auch Avaris nutzte die Unruhe. Mit der Fingerfertigkeit eines erfahrenen Lautenspielers lockerte er in wenigen Augenblicken die Saiten seines Instruments, schob eine Frucht in den hohlen Korpus und spannte die Saiten wieder darüber. Niemand bemerkte den Diebstahl – doch die Laute war anschließend vollständig verstimmt.
Die Waschbären flohen derweil zu einem weiteren Obstbaum. Dort stießen sie mehrere volle Körbe um und verwandelten den Boden in ein Chaos aus Früchten, Holz und aufgeregten Arbeitern. Niemand wollte riskieren, noch mehr von der wertvollen Ernte zu beschädigen. In der Verwirrung gelang es den dreien, am Stamm hinauf in das Blattwerk zu klettern.
Dann näherte sich die Vogelscheuche.
Sie hörten das Surren ihrer Mechanik, das Klicken der Gelenke und das Spannen der Drahtzüge unter dem schweren Stoff. Durch den Stamm spürten sie beinahe, wie die Konstruktion den Baum absuchte.
Als der Wächter unmittelbar unter ihnen stand, verschwanden die Waschbären in einem Augenblick aus den Ästen und tauchten direkt in seinem Nacken wieder auf. Von den Wachen und Arbeitern wurde dies kaum bemerkt, denn selbst sie hielten respektvollen Abstand zu dem unheimlichen Prototyp.
Die drei schlüpften unter die Stoffbahnen und begannen neugierig, die Maschine zu untersuchen. Schrauben und Nieten ließen sich jedoch nicht ohne Weiteres lösen. Als einer der Waschbären zu tief in die Mechanik griff, geriet seine Pfote zwischen zwei Gelenke. Bei der nächsten Bewegung des Wächters hätte sie schwer zerquetscht werden können.
Während die anderen verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, das Gelenk aufzubrechen, kletterte einer von ihnen um den Torso der Maschine. Im Brustbereich entdeckte er eine Öffnung, hinter der ein fremdartiges Licht glomm. Drähte und metallene Verbindungen verliefen durch den Hohlraum, zwischen ihnen sprangen kleine leuchtende Entladungen hin und her.
Der Waschbär griff hinein.
Ein scharfer Schlag fuhr durch seinen Körper. Sein Fell stellte sich auf, sein Schwanz bog sich in einem wilden Zickzack – und die Vogelscheuche sackte in sich zusammen. Im Inneren arbeitete und surrte es weiterhin, doch ihre Gelenke erschlafften und gaben die eingeklemmte Pfote frei.
Die Waschbären nutzten die Gelegenheit zur Flucht. Ungesehen arbeiteten sie sich durch Büsche und Unterholz zurück zu ihren Gefährten.
Dort stellte die Gruppe fest, dass sie inzwischen bereits zwei Früchte besaß: eine im Korpus von Avaris’ Laute und eine, die Borin unbemerkt unter seinem Mantel verborgen hatte.
Borin entwickelte sogleich einen Plan für seine Beute. Die Transportplattform des großen Krans setzte unten nicht direkt auf dem Boden auf, sondern blieb vor einem erhöhten Podest hängen. Unter der Plattform verliefen massive Metallstreben, die ihre Konstruktion stabilisierten. Dort könnte eine Frucht verborgen bis nach Karnsgrat gelangen, ohne beim Aussteigen entdeckt zu werden.
Avaris sollte für Ablenkung sorgen. Als er jedoch zu spielen begann, erinnerte er sich zu spät an den Apfel in seiner Laute. Die verstimmten Töne zogen zunächst mehr Aufmerksamkeit auf sich, als der Gruppe lieb sein konnte. Arbeiter und Wachen blickten neugierig zum Sammelplatz, denn viele erinnerten sich noch an seinen gefeierten Auftritt im „Taumelnden Haken“.
Avaris stimmte das Instrument neu und begann schließlich ein Lied über die Ernte auf den schwebenden Wiesen – allerdings aus der Sicht eines einfachen Wurms. Die Ballade besang ein Ungeziefer, das sich an den Früchten laben wollte, obwohl selbst Würmer diese scheußlichen Gewächse vermutlich verschmähten.
Während Arbeiter und Wachen dem ungewöhnlichen Lied lauschten, schlich Borin zur Plattform. Unter ihr fand er die gesuchten Metallstreben. Mit einem Seil befestigte er den Apfel sicher an der Konstruktion, sodass er den Abstieg unbeschädigt überstehen sollte.
Niemand schlug Alarm.
Stolz kehrte Borin zu seinen Gefährten zurück.
Am Ende des Tages hatte die Gruppe noch keinen vollständigen Plan für den großen Diebstahl. Doch sie hatte bereits zwei Früchte an den Kontrollen vorbeigebracht, eine mechanische Vogelscheuche außer Gefecht gesetzt und entscheidende Erkenntnisse über die neuartigen Wächter gewonnen.
Die erste Beute wartete unter der Plattform.
Die zweite lag verborgen in einer verstimmten Laute.
Und hoch über Karnsgrat begann man gerade erst zu begreifen, dass auf den schwebenden Wiesen etwas ganz und gar nicht nach Plan verlief..
Die Ernte auf den schwebenden Wiesen von Karnsgrat.
Am Morgen des 2. Brakund erwachte die ungewöhnliche Reisegesellschaft im Heu neben dem „Taumelnden Haken“. Noch lag kühler Dunst zwischen den Häusern Karnsgrats, doch mit den ersten Strahlen der Sonne setzte sich das Dorf in Bewegung. Arbeiter verließen ihre Unterkünfte, schlossen sich zu immer größeren Gruppen zusammen und strömten hinauf zum gewaltigen Kran, der Menschen und Lasten zu den schwebenden Wiesen beförderte.
Auch Borin Krempl, Kuno Kargland, Avenis aus Allerton, Viktor und die drei Waschbären mischten sich unter die Menge. Ihr Ziel war zunächst nicht der Diebstahl selbst. Sie wollten verstehen, wie die Ernte ablief, wie die Früchte bewacht wurden und ob es überhaupt einen Weg gab, unbemerkt auf die Wiesen zu gelangen.
Der erste Versuch, sich als neue Arbeitskräfte anwerben zu lassen, scheiterte. Auf den Plantagen waren für den Augenblick genügend Hände beschäftigt, und die nächste reguläre Anwerbung sollte erst in etwa einer Woche stattfinden. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass die Erträge der Wiesen derzeit hinter den Erwartungen zurückblieben und die Verantwortlichen offenbar mit roten Zahlen kämpften.
Mehrere Gespräche und gescheiterte Anläufe später eröffnete sich dennoch eine Gelegenheit. Targen Mohl, der für die mechanischen Anlagen rund um den Kran verantwortlich war, wurde auf Viktors ungewöhnlichen Arm aufmerksam. Auch Targen trug eine mechanische Prothese, doch während seine vor allem einen verlorenen Arm ersetzte und für schwere Arbeiten ausgelegt war, zeugte Viktors Konstruktion von deutlich feinerer Mechanik.
Viktors Wissen und die sichtbare Verwandtschaft ihrer beiden Schicksale weckten Targens Interesse.
Zur gleichen Zeit entstand bei ihm und dem Wachmann Karsten ein folgenreicher Irrtum. Da die Ernte schwächelte und erst kürzlich neuartige Wachkonstruktionen angeliefert worden waren, hielten sie die Gruppe für eine unangekündigte Prüfungskommission – womöglich im Auftrag einer Adelsfamilie oder einer anderen einflussreichen Stelle. Was den Fremden zuvor verwehrt worden war, wurde ihnen nun unter strenger Aufsicht gestattet: die Fahrt hinauf zu den schwebenden Wiesen.
Die drei Waschbären nahmen einen weniger offiziellen Weg. Unbemerkt gelangten sie auf die Plattform und verbargen sich während des Aufstiegs zwischen Ladung und Konstruktion. Oben angekommen fanden sie eine Welt vor, in der Tiere ihrer Art eigentlich nicht vorgesehen waren. Die Wiesen waren ein sorgsam erhaltenes Ökosystem aus Pflanzen, Insekten und Menschen – ohne Nagetiere und ohne jene Raubtiere, die ihnen hätten gefährlich werden können.
Für die übrigen Reisenden war der erste Eindruck der Wiesen von ehrfürchtiger Größe. Die größte der schwebenden Landmassen maß etwa anderthalb Kilometer im Durchmesser. Plantagen, Wege und Sammelplätze lagen über dem Abgrund, während weit unter ihnen der Fluss durch die Landschaft zog.
Doch die Schönheit des Ortes hielt nicht lange an.
Noch während ihres Aufenthalts wurden die Besucher Zeugen davon, wie ein Erntearbeiter mit einer unter seinem Kittel verborgenen Frucht aufgegriffen wurde. Das Urteil erfolgte ohne lange Verhandlung. Vor Arbeitern, Wachen und Fremden wurde dem Mann die rechte Hand abgeschlagen.
Damit war jede Unklarheit über die Folgen eines Diebstahls beseitigt.
Targen führte Viktor anschließend zu den neu angelieferten Prototypen: mechanischen Vogelscheuchen, die Meisterschmied Bolek gefertigt hatte. Unter zerschlissenem Stoff verbargen sich filigrane Gelenke, Zahnräder und fein aufeinander abgestimmte Bauteile. Die Konstruktionen waren dazu geschaffen worden, die Arbeit auf den Wiesen zu überwachen und insbesondere zu verhindern, dass Früchte an den festgelegten Kontrollen vorbeigeschmuggelt wurden.
Viktor durfte sogar einen Blick auf den Konstruktionsplan werfen. Eine Abschrift wurde ihm nicht gestattet, doch einige Einzelheiten prägten sich ihm ein. Besonders ein Begriff blieb haften: das Ruhige Herz.
Im Inneren der Vogelscheuche befand sich eine leuchtende Konstruktion, die weder durch Dampf noch durch Öl oder einen anderen vertrauten Brennstoff angetrieben wurde. Viktor verstand Teile der Mechanik, doch die Herkunft der Energie und das Zusammenspiel mancher Eingabe- und Ausgabemechanismen blieben ihm verborgen. Auch die fremdartigen Losungsworte, mit denen die Maschine angesprochen wurde, konnte er nur bruchstückhaft erfassen. Er hörte etwas, das wie „Activa“ und „cum“ klang, gefolgt von weiteren Worten in einer ihm unbekannten Sprache.
Targen selbst verfügte zudem über ein kleines Artefakt, mit dem sich die Vogelscheuchen aktivieren und deaktivieren ließen.
Auf Viktors Anregung hin beschloss er, einen weiteren Testlauf durchzuführen und eine der Konstruktionen zum großen Sammelplatz zu bringen. Dort grenzte die Transportplattform an die Hauptwiese, auf der am Ende eines Arbeitstages die Ernte zusammengetragen wurde.
Währenddessen machten die Waschbären eine überraschende Entdeckung. Die Vogelscheuchen reagierten nicht auf sie. Avenis vermutete später, dass die kleinen Körper und leisen Bewegungen außerhalb dessen lagen, worauf die noch jungen Prototypen eingestellt waren.
Diese Schwäche blieb nicht ungenutzt.
Unbemerkt stahlen die Waschbären eine einzelne Frucht von einem der Bäume.
Damit besaß die Gruppe zwar bereits ein erstes Stück der begehrten Ernte, doch ihr Wissen über den weiteren Weg der Früchte war noch wertvoller. Jede Kiste enthielt ausschließlich eine bestimmte Fruchtsorte. Noch oben auf den Wiesen wurden die Früchte gezählt und die Mengen in Listen vermerkt. Nach dem Abtransport der Arbeiter blieb eine letzte Fuhre zurück: versiegelte Kisten, die gemeinsam mit den verbliebenen Wachen auf der Plattform nach unten gebracht wurden.
Dort nahm weiteres Wachpersonal die Lieferung entgegen, verlud sie auf geschlossene Wagen und brachte sie zu den Prüfkammern der Vereinigung des Fortschritts. In diesen Kammern wurden die Früchte erneut gezählt, ihre Qualität geprüft und die Bücher mit den Listen der Plantagen abgeglichen. Für diese unabhängige Kontrolle war unter anderem der Verwaltungsbeamte Cedran Molt zuständig.
Auch über den Ausschuss erfuhren die Reisenden mehr. Beschädigte und unbrauchbare Früchte wurden auf den Wiesen gesammelt und einmal monatlich über die Kante in den mehrere hundert Meter tiefer fließenden Fluss gekippt. Dort kamen sie zerplatzt, verfault oder anderweitig verdorben an. Da die Früchte ohnehin ungenießbar waren, gab es selbst für jene keine Beute, die unten auf die Reste warteten. Die letzte Entsorgung hatte erst zwei Tage zuvor stattgefunden.
Am Ende des Tages hatte die Gruppe noch keinen endgültigen Plan gefasst, dafür aber mehrere Möglichkeiten erkannt.
Sie wollte beobachten, wie die Kisten unten verladen und zu den Prüfkammern transportiert wurden. Ein Gespräch mit Cedran Molt sollte Aufschluss über die Buchführung geben. Auch Wirtin Mara Vell könnte etwas gesehen oder gehört haben, das den Fremden bislang entgangen war.
Avenis dachte sogar darüber nach, die Früchte unter dem Deckmantel einer angeblichen Adelsfamilie auf Kredit zu erwerben und eine offizielle Eskorte nach Arnheim zu bezahlen. Der Gewinn wäre geringer, doch das Risiko möglicherweise ebenfalls.
Andere Überlegungen waren deutlich waghalsiger. Die Waschbären könnten mit gestohlenen Früchten und einer improvisierten Gleitvorrichtung von den Wiesen hinabgelangen. Ebenso könnten sie sich in einer der vernagelten Kisten verbergen, später von innen entkommen und ein Lagerhaus infiltrieren. Eine gefälschte Etikettierung oder eine zusätzliche, scheinbar ordnungsgemäß registrierte Kiste könnte einen weiteren Weg eröffnen.
Noch war nichts entschieden.
Doch hoch über Karnsgrat hatten die Reisenden zum ersten Mal gesehen, wie streng die Ernte bewacht wurde, wie sorgfältig jede Frucht gezählt wurde und welchen Preis jene zahlten, die dabei ertappt wurden, auch nur eine davon an sich zu nehmen.
Und irgendwo zwischen den Plantagen, den Kisten und den mechanischen Wächtern befand sich nun bereits eine gestohlene Frucht in den Pfoten dreier Waschbären.
Das Dorf Karnsgrat unterhalb der schwebenden Wiesen. Im Zentrum der große Lastkran.
Am 1. Brakund fanden fünf ungewöhnliche Reisende ihren Weg nach Karnsgrat, jenem unscheinbaren Dorf Fabricas, über dem die schwebenden Wiesen wie abgerissene Stücke einer anderen Welt im Himmel lagen.
Unter ihnen war Borin Krempl, ein kleinwüchsiger Mensch mit einer gewaltigen Spitzhacke und den von harter Arbeit gezeichneten Händen eines erfahrenen Kristallschürfers. An seinem Gürtel trug er einen kleinen Käfig für Zilp, einen winzigen Vogel, der ebenso häufig frei über die Dächer flatterte und mit Borin auf eine Weise verbunden schien, die weit über das Verhältnis zwischen Tier und Besitzer hinausging. Die großen Maschinen Fabricas betrachtete Borin mit Misstrauen. Wo Zahnräder und Grabwerke immer mehr Arbeit verrichteten, blieb für Männer seines Handwerks zunehmend weniger übrig.
Nicht minder auffällig waren drei Waschbären, die menschliche Sprache offenbar verstanden, ohne selbst sprechen zu können. Sie verständigten sich durch Gesten, Zeichnungen und eine erstaunliche Beharrlichkeit.
Auch Kuno Kargland suchte in Karnsgrat nach einer neuen Aufgabe. Der junge Knappe, dessen bisheriger Ritter nicht länger an seiner Seite war, hoffte auf eine Anstellung bei der örtlichen Wache. Doch die Männer, die das Dorf und seine gefährlichen Anlagen beschützten, erwiesen sich als überaus fähig und anspruchsvoll. In einem Übungskampf trat Kuno gegen den Wachmann Tristan an und unterlag. Der Wachhauptmann entschied daraufhin, den jungen Adligen nicht in seine Dienste zu nehmen. Tristan und sein Kamerad Karsten ließen Kuno jedoch nicht mit leerem Magen und gekränktem Stolz zurück: Sie spendierten ihm im „Taumelnden Haken“ ein Bier und begleiteten ihn später gemeinsam vor die Tür.
Dort kreuzten sich schließlich auch die Wege mit Victor, der sich in Karnsgrat zeitweise als Richard ausgegeben hatte. Sein experimenteller mechanischer Bohrarm zog Blicke auf sich, doch über den Mann selbst war kaum etwas zu erfahren. Er sprach wenig über seine Vergangenheit und wirkte, als habe er gute Gründe dafür.
Der Fünfte war Avenis aus Allerton, ein fahrender Barde, der weder mit Schwert noch Faust viel anzufangen wusste, dafür aber mit seiner Stimme und seiner Laute einen ganzen Schankraum verstummen lassen konnte. Noch am selben Abend machte er sich im „Taumelnden Haken“ einen Namen. Arbeiter, Wachen und Reisende legten ihre Gespräche nieder, als Avenis zu spielen begann, und selbst Wirtin Mara Vell konnte ihre Begeisterung kaum verbergen.
Die Ballade, die Avinis an diesem Abend vortrug, hatte er nie zuvor gesungen. Sie erzählte von ihm selbst – und von vier weiteren Gestalten, die ihm zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen fremd waren. Strophe für Strophe schienen sich Bilder und Worte in ihm zu formen. Jede Strophe galt einem anderen Reisenden, und immer wieder kehrte derselbe Refrain zurück:
„… wo seine Reise begann.“
Avenis wusste nicht, warum er gerade von diesen Menschen sang. Noch weniger wusste er, weshalb einige von ihnen das Gefühl beschlich, die unbekannte Ballade handle tatsächlich von ihnen.
Zwischen dem Duft von Bier, Öl und nasser Kleidung wartete im hinteren Teil der Taverne eine vermummte Gestalt. Der Fremde nannte keinen Namen, doch er suchte Menschen – oder Wesen –, die bereit waren, für Wissenschaft, Fortschritt und eine außergewöhnlich hohe Belohnung ein erhebliches Risiko einzugehen.
Der Auftrag klang zunächst beinahe lächerlich: Die Gruppe sollte möglichst frische Früchte von den schwebenden Wiesen beschaffen und sie nach Arnheim bringen. Doch die Wiesen standen unter der Kontrolle der mächtigen Adelsfamilie Siegbrand. Ihre Ernten wurden streng bewacht, und auf Diebstahl konnten Verstümmelung oder sogar der Tod stehen.
Dabei waren die kostbaren Früchte nicht einmal genießbar. Der Adel verwendete sie als Dekoration und Statussymbol und zahlte groteske Summen für besonders makellose Exemplare, die später auf Festtafeln und in Prunkräumen verrotteten.
Für jede Frucht, die spätestens am 10. Brakund frisch in Arnheim ankäme, wurden den Reisenden 5.000 Gulden versprochen. Da allein die Reise dorthin ungefähr eine Woche dauern würde, blieben nur wenige Tage für Planung und Beschaffung. Zwei andere Gruppen hatten denselben Auftrag bereits angenommen und waren noch in jener Nacht aufgebrochen.
Schon bald entstanden erste Ideen. Zilp könnte am Morgen die Arbeitsabläufe aus der Luft beobachten. Avenis könnte versuchen, als Unterhaltung mit den Erntearbeitern auf die Wiesen zu gelangen. Victor und die drei Waschbären zeigten auffälliges Interesse an dem gewaltigen, von Meisterschmied Boleg konstruierten Kran, der Menschen und Lasten hinaufbeförderte. Auch die Prüfkammern der Vereinigung des Fortschritts, ihre Bücher, Siegel und Genehmigungen gerieten in den Blick.
Ein fertiger Plan existierte noch nicht. Nur Möglichkeiten, Gefahren und das Versprechen von mehr Geld, als die meisten von ihnen je besessen hatten.
Als die Nacht über Karnsgrat hereinbrach, fanden die fünf Reisenden im Stall des „Taumelnden Hakens“ ihr Lager. Über ihnen knarrten die Balken, draußen sang der Wind in den Seilen der Kräne, und hoch über dem Dorf schwebten die Wiesen schweigend im Mondlicht.
Noch waren sie Fremde.
Doch Avinis hatte bereits von ihnen gesungen.
Aus den verbotenen Abschriften des Hofgelehrten Seredan Vaul, Kapitel VII aus „Von den sanften Zungen der Macht“ — ein Standardwerk zur Verhandlungskunst an den Höfen Mercatorias:
„Einst ward die Intrige am Königshofe. Und ging mit stolzem Schritte in des Palastes Mitte. Sie zeigte jedem ihren schönen Hals und ward bald von jedem Edelmann umbalzt. Kokett und geschickt wusste sie zu lenken, Macht, Einfluss und wie man die Fäden des Schicksals strickt.
So wandelt die Intrige durch die Geschichte und Zeit, ein Wesen gemacht für die Ewigkeit. Denn nie wird sie aufhören zu spinnen ihr Verschwörungsnetz und das Herz der Mächtigen vergiften mit ihrem süß-säuselnden Geschwätz. Doch wehe dem Tag, an dem der König selbst ihr anheim fällt.
Wenn sie das höchste Amt selbst um den Finger wickelt, ist es nicht weithin zu der Situation, wenn das Reich zerfällt und alles stets bleibt monoton.“
Dunkelheit. Nicht die Dunkelheit der Nacht. Nicht die Dunkelheit geschlossener Augen.
Eine alte Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die atmet.
Metall knirscht. Irgendetwas bewegt sich. Nicht draußen. Innen.
Ich höre sie noch immer. Ihre Stimmen.
„Sicherung intakt.“
„Das Geflecht reagiert nicht mehr.“
„Er kann uns nicht hören.“
Ein kehliges Lachen antwortet aus der Schwärze.
Doch. Ich höre euch noch. Jahrhunderte lang hörte ich euch. Eure Schritte. Eure Zweifel. Eure Kinder, die zu Männern wurden und starben, während ich blieb.
Etwas reißt. Ein metallisches Kreischen.
Dann Stille. Nein. Keine Stille. Herzschläge. Nicht meiner. Ihrer. Der Wächter.
So weich. So warm. So voller Hoffnung.
Eine andere Stimme flüstert in mir.
Noch nicht.
Nicht zerreißen.
Nicht jetzt.
Du brauchst sie noch.
Finger bewegen sich. Oder Klauen. Oder etwas dazwischen. Ich erinnere mich nicht mehr.
Schnee fällt durch einen Spalt aus Licht. Kalte Luft strömt herein. Freiheit riecht nach Blut.
Ein weiterer Schlag. Etwas bricht endgültig auf. Ich lächle. Es lächelt zurück. Vielleicht gibt es keinen Unterschied mehr.
Dann ein Flüstern:
Sie haben dich eingesperrt.
Nun sperrst du sie ein.
In ihre eigenen Mauern.
In ihre eigenen Lügen.
In ihr eigenes Reich.
Und irgendwo tief in der Finsternis beginnt etwas zu lachen. Nicht laut. Nicht wahnsinnig. Geduldig.
Hoch über den zerklüfteten Schluchten Fabricas schweben noch immer die Inseln.
Wie Tropfen eines vergessenen Traums hängen sie über den gewaltigen Canyons des Nordens. Felsen, die der Schwerkraft trotzen. Wiesen, die lautlos über den Nebeln treiben. Riesige Wurzeln hängen wie Adern aus Stein und Erde in die Tiefe hinab, während Kräne, Kettenzüge und Lastenaufzüge sich ächzend zwischen Himmel und Abgrund bewegen.
Unter ihnen liegt das Dorf Karnsgrat. Ein Ort aus Holz, Eisen und Staub, erbaut an den Füßen der schwebenden Felsen und direkt um den größten Verladekran der Region herum. Tag und Nacht drehen sich dort die gewaltigen Zahnräder der Hebemaschinen. Dampfleitungen zischen. Glocken läuten. Arbeiter brüllen Befehle gegen den Wind, während Plattformen mit Kisten, Werkzeugen und seltsamen Erzeugnissen aus den schwebenden Wiesen über die Köpfe der Menschen hinweg durch die Luft gleiten.
Die Luft riecht nach:
• kaltem Eisen,
• feuchtem Stein,
• Maschinenöl
An den Hängen rings um Karnsgrat kauern kleine Häuser aus dunklem Canyonholz zwischen schroffen Felsvorsprüngen. Viele Gebäude wurden direkt in die Klippen hineingebaut, verbunden durch Brücken, Leitern und schmale Stege. Nachts glimmen überall rote und blaue Kristalllampen zwischen Nebelschwaden und verleihen dem Dorf ein beinahe unwirkliches Aussehen.
Und über allem schweben die Wiesen. Still. Majestätisch. Unnatürlich.
Die Menschen hier haben gelernt, ihren Blick nicht zu lange nach oben zu richten. Manche behaupten, die Inseln bewegten sich manchmal nachts. Andere schwören, dass Werkzeuge in ihrer Nähe leichter würden oder für wenige Herzschläge den Boden verließen. Wieder andere erzählen bei zu viel Feuerfall-Schnaps von Stimmen, die aus den langen Wurzeln im Nebel flüstern.
Doch die meisten Menschen in Karnsgrat interessieren sich weniger für Geheimnisse als fürs Überleben.
Kristallwäscher schleppen ihre kärglichen Funde durch die Gassen. Händler preisen wertlose Wunderfrüchte an reiche Besucher aus Mercatoria an. Arbeiter fluchen über gebrochene Seile und schlecht geölte Aufzüge. Und Soldaten der Wache patrouillieren zwischen Kränen und Lagerhäusern, um sicherzustellen, dass niemand den Reichtum der schwebenden Wiesen anrührt.
Denn die Früchte dort oben mögen ungenießbar sein. Doch in den Hallen des Adels wiegen sie inzwischen beinahe mehr als Gold.
Mara Vell
Wirtin in Karnsgrat des taumelnden Hakens
Macht den besten Glutwurz-Eintopf
Auftritt: Session 1
Targen Mohl
Oberster Maschinist in Karnsgrat
Zuständig für den großen Tee-Kran des Dorfs
Auftritt: Session 2
Arbornius
Druide in einer Kristallgrotte irgendwo im Nirgendwo in Fabrica
Schützer der Flora und Fauna
Auftritt: Session 7
Neuer NPC
Bulletpoint 1
Bulletpoint 2
Bulletpoint 3
Auftritt: Session xyz